Sport : Bayern - Hamburg: Der Vier-Minuten-Kraftakt

Detlef Dresslein

Auch die Nikoläuse hatten zunächst Orientierungsschwierigkeiten. 15 Rotgewandete kamen in der ersten Halbzeit ins Stadioninnere, um es sogleich wieder zu verlassen, in der Pause dann in Mittelklasselimousinen des Sponsors erneut aufzufahren und letztlich Karamellbonbons unters Volk zu werfen. Auch die Bayern wussten erst nicht so recht, wohin es gehen sollte, bevor am Ende wieder alles gut wurde. Schlecht gespielt haben sie beim 2:1 gegen den Hamburger SV, wie meist in den letzten Wochen - und diesmal wieder gewonnen.

Ein Feuerwerk gab es zum Abschluss eines Kalenderjahres im Münchner Olympiastadion, das starke Ausschläge sowohl auf der Höhen- als auch auf der Tiefen-Skala aufweist. Dass dieses letztes Heimspiel des Jubiläumsjahres ("100 Jahre FC Bayern") noch gar nicht das letzte Spiel war, sondern am Sonntag noch Hertha BSC in Berlin wartet, geriet fast in Vergessenheit. Auf der Tribüne saß mit Schirmmütze und missgelaunter Gattin Bayern-Präsident Franz Beckenbauer. Auch er hat ja so einiges erlebt, von der WM-Zuteilung bis hin zu außerehelichem Kindersegen. Im großen Feuerwerk zum ratternden Radetzky-Marsch aus den Lautsprechern war auch das kein Thema mehr. Ja, is denn heut scho Silvester.

Das Spiel selbst war da sowieso schon gar nicht mehr wichtig. Ein Sieg der Marke "Wer-fragt-morgen-noch-danach-wie-er-zustande-kam". Gleich zu Beginn verballerten die Münchner im Vorgriff auf den farbenfrohen Höhepunkt des Abends vier hochwertige Torchancen, bevor Sergej Barbarez die erste HSV-Chance überhaupt nutzte, wobei die Bayern-Defensive im Allgemeinen und Sammy Kuffour im Besonderen wieder mal ganz schwach aussahen. Auch das hat man oft gesehen in diesem Jahr. "Ein Tor, das uns völlig aus dem Konzept gebracht hat", gab Mehmet Scholl zu. Und: "Wir können im Moment nicht besser spielen, weil wir die Sicherheit nicht haben."

Aber ein Vier-Minuten-Kraftakt in der zweiten Hälfte drehte das Geschehen wieder ins Positive. Erst schickte Michael Tarnat nach gut einer Stunde den Ball auf eine weite Flugreise, die via Giovane Elbers Kopf zum Ausgleich im Tor endete. "Der Ball ist sechzig Meter in der Luft und Elber relativ ungestört", grantelte Hamburgs Trainer Frank Pagelsdorf. Dann traf kurz danach wiederum Elber, der, unterstützt durch einen tapsigen Ausflug von HSV-Torwart Hans-Jörg Butt, im Nachsetzen das 2:1 besorgte. "Zwei katastrophale Tore aus dem Nichts", befand Pagelsdorf. "Das 1:1 war der Knickpunkt", holländerte HSV-Zugang Eric Meijer, der zwischen beiden Elber-Toren auch selbst hätte treffen können, aber frei vor Torwart Oliver Kahn an eben diesem scheiterte. England-Rückkehrer Meijer immerhin freut sich, wieder in der Bundesliga zu kicken, "denn dann kann man wieder Deutsch sprechen". Der andere Neue, der Tscheche Tomas Ujfalusi, fiel im ersten Auswärtsspiel für den HSV nur durch seinen Namen und sein schwarzes Piratenstirnband auf.

"Wir sind auf einem guten Weg, aber wir sind noch nicht Erster", sagte Bayern-Profi Hasan Salihamidzic nach dem Spiel, "erst dann ist alles in Butter." Immerhin war es "ein mühsamer Sieg, der für uns ganz wertvoll ist", wie Ottmar Hitzfeld befand. Dann sollte der Trainer des FC Bayern eine Bilanz dieser Vorrunde ziehen. "Sehr durchwachsen", meinte er. Umso wichtiger sei es, "gut in die Rückrunde zu starten". Also gleich in Berlin zu punkten. "Ohne einen Sieg am Sonntag wäre unser Spiel heute nichts wert", sagte Mehmet Scholl. Und dann wäre es endlich vollbracht. "Ein bisschen Urlaub", meinte Mehmet Scholl noch, "schadet auch nichts."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben