Sport : Bayern-Madrid: Drei Wochen im Mai

Detlef Dresslein

Flug YP 9911 aus Madrid hatte zwanzig Minuten Verspätung. Ob das der Grund war für die üble Laune der meisten Passagiere, oder ob es an deren Übermüdung lag, wird zunächst ein Geheimnis der Spieler des FC Bayern München bleiben. Wortlos und missmutig stapften sie durch die sonnendurchflutete Ankunftshalle E des Münchner Flughafens, vorbei an Fans und Journalisten. Als ein Fernsehreporter insistierte, hatte man Angst, Mehmet Scholl würde gleich eine Kamera zerschlagen, oder laut herumkreischen, wenn man ihn nicht gleich in Ruhe ließe. Doch Trainer Ottmar Hitzfeld gab mit ernstem Gesicht Auskunft: "Real ist eine überragende Mannschaft, aber wir haben die Seiten geschlossen, die Räume eng gemacht und somit gab es fast kein Durchkommen". Begeisterung sieht anders aus. Hatten die Bayern nicht wenige Stunden zuvor ihre wohl größte Leistung dieser Saison vollbracht und in Madrid gewonnen?

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? Und endlich, mitten in den Ausführungen des Trainers, kam ein gutgelaunter Passagier aus dem Airbus heraus. Uli Hoeneß hatte rote Bäckchen und wirkte, als habe er dem Bordpersonal den einen oder anderen Piccolo entlockt. Als er hinter Hitzfeld vorbei huschte, frohlockte er lautstark: "Eins zu null, Herr Hitzfeld" und ging grinsend weiter. Wahrscheinlich erinnerte sich der fröhliche Manager in diesem Moment gerade an den einzigen Treffer des Halbfinales. Giovane Elber hatte nach seinem Volleyschuss zum 1:0 sein linkes Knie geküsst. Zwölf Tage zuvor waren ihm bei einer Arthroskopie Knorpelteile aus dem Kniegelenk operiert worden. "Nach zehn Tagen wieder Fußball spielen zu können, ist schon Wahnsinn", sagte Elber, "hier ein Tor zu schießen, ist noch wahnsinniger."

Herr Hitzfeld hingegen verbreitete weiterhin schwere Gedanken: "Wir haben am Sonnabend schon wieder das nächste schwere Spiel in Leverkusen." Wahrscheinlich hatte er alles schon vorher gewusst, war doch auch der Sieg in Madrid nichts weiter als das Ergebnis des bajuwarischen Pragmatismus: "Aus der Erfahrung weiß man, wie man gegen solche Mannschaften spielen muss."

Pressesprecher Markus Hörwick, der wegen der Wortkargheit der Profis Interviews geben durfte, erzählte, was passiert war in der vergangenen iberischen Nacht. "Die Anspannung war unheimlich groß, und die hat sich mit dem Schlusspfiff gelegt. Danach waren alle einfach nur leer und ausgelaugt." Ganz vernünftig scheinen alle zu wissen, dass noch nichts gewonnen ist. "Wir können jetzt in drei Wochen alles gewinnen oder alles verlieren", sagte Hörwick bedeutungsschwer. Und er verriet, dass irgendwie sogar der FC Schalke 04 mit seinem jüngsten Versagen in Bochum dem deutschen Fußball, vertreten durch den FC Bayern, beigestanden hat. "Die Meisterschaft ist wieder heiß geworden und das hat uns sicherlich in Madrid den Rücken freigehalten, weil die Champions League jetzt nicht mehr die einzige Option ist."

Wenigstens der Vereinschef gab sich gemäßigt stimmungsvoll. "In einem Jahr fünf Mal gegen Real Madrid zu spielen und vier Mal zu gewinnen - es gibt nicht viele Mannschaften, die einen solchen Rekord vorweisen können", sagte Präsident Franz Beckenbauer beim obligaten Abschlussbankett. Und fügte an: "Ich möchte gerne auf die Leistung der Mannschaft trinken." Was er dann wohl auch tat, wie er am nächsten Tag bei der Rückkehr eingestand. "Ein bisschen unterhalten und ein bisschen freuen, vor halb drei kommst du da nicht ins Bett." Und vermutlich feierte auch Uli Hoeneß ein wenig mit, wenn auch nicht so lange: "Ich bin ziemlich früh gegangen, aber ich war nicht der letzte."

Auch ansonsten war Hoeneß doch ein wenig spartanisch in seiner Begeisterung. "Vorher standen die Chancen 50 zu 50, jetzt stehen sie bei 51 Prozent für uns. Ein 1:0 ist kein Riesenvorsprung." Und Franz Beckenbauer war letztlich klar: "Wir haben noch nichts erreicht, und wir würden uns noch viel mehr freuen, wenn wir in acht Tagen das Finale erreichen." Nun denn, viel weniger Freude als nach dem Sieg von Madrid ist eigentlich auch gar nicht möglich.

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