Bayern München : Ein bisschen Normalität

Nach dem exzentrischen van Gaal gibt Interimstrainer Andries Jonker den Bayern, was die Bayern haben wollen.

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Thomas Müller ist wohl der größte Fan von Louis van Gaal unter den Spielern beim FC Bayern München. Er ist zutiefst dankbar für das uneingeschränkte Vertrauen, das sein ehemaliger Trainer ihm geschenkt hat („Müller spielt immer“) und das seinen Aufstieg zum Liebling der Fußballnation ermöglicht hat. Umso interessanter war es zu hören, was der 21 Jahre alte Nationalspieler nach dem 5:1 gegen Bayer Leverkusen über van Gaals Nachfolger, dessen ehemaligen Assistenten Andries Jonker, zu sagen hatte. „Falsch hat er auf jeden Fall nichts gemacht“, urteilte Müller, das klang noch reserviert. Aber er sagte auch: „Andries hat uns mehr Freiheiten gelassen.“ Das war nach diesem auffällig befreiten Auftritt der Bayern eine Kernaussage. „Ich habe es nach der frühen Führung der Mannschaft überlassen, wie sie weiterspielen soll“, erklärte Jonker. „Und sie hat sich dafür entschieden, etwas tiefer zu stehen, kompakt zu spielen. Ich finde das sehr erwachsen und sehr gut.“ Auch Christian Nerlinger, Sportdirektor der Bayern, hatte Jonkers erste Tage als Cheftrainer mit Wohlwollen verfolgt: „Wir sind auf dem Weg zurück zur Normalität.“

Nach dem ständigen Ausnahmezustand unter dem exzentrischen Louis van Gaal sehnen sich die Bayern nach nichts so sehr wie nach ein bisschen Normalität. Jupp Heynckes, der ab kommender Saison die Geschäfte führen wird, ist ein Garant dafür. Und Jonker, so scheint es, ist der ideale Mann für den Übergang. Er kennt das System van Gaal von innen, auch die positiven Aspekte. Zugleich ist der bubenhafte 49-Jährige, der immer ein bisschen aussieht wie die erwachsene Version von Sempés kleinem Nick, ganz anders gestrickt als der Imperator van Gaal. Auffällig zurückhaltend, fast leise und immer höflich tritt er auf.

Jonker ist ein loyaler Mensch, deshalb hatte er erst van Gaal nach dessen Meinung gefragt, bevor er das Angebot der Bayern annahm. „In den ersten beiden Tagen hatte ich kein gutes Gefühl“, erzählt er. „Dann habe ich in Ruhe nachgedacht, wie ich die Arbeit organisieren will, und das habe ich aufgeschrieben. Danach habe ich das einige Stunden liegen gelassen, es noch einmal gelesen und ab Mittwoch nach diesem Plan gearbeitet.“ Als er vor dem Leverkusen-Spiel seine Entscheidung erklärte, Thomas Kraft wieder aus dem Tor zu nehmen, war ganz deutlich zu merken, dass Jonker ein schlechtes Gewissen plagte. Er weiß, dass Kraft vor allem ein Opfer des Machtkampfes zwischen van Gaal und den Vereinsbossen ist.

Und auch nach dem Sieg gegen Leverkusen mit einem Hattrick von Mario Gomez und ganz viel Tralala sah sich Jonker nicht als Triumphator: „Ich habe das Gefühl, dass wir diese Saison nichts Wichtiges gewonnen haben. Und der holländische Teil der Stadt ist auseinandergefallen, das ist immer noch enttäuschend.“ Aber er versucht nun, die Bayern noch auf Rang drei zu führen.

Parallel basteln seine Chefs mit zunehmendem Elan an der Mannschaft für die kommende Saison. Sowohl Nerlinger als auch Präsident Uli Hoeneß haben inzwischen recht unverblümt angedeutet, dass Torwart Manuel Neuer ihnen seinen Willen zum Wechsel nach München bekundet habe. Nun geht der Poker um die Ablösesumme los. Schalkes Sportdirektor Horst Heldt würde gern mindestens 20 Millionen Euro einstreichen, bevor er Neuer aus dem bis 2012 laufenden Vertrag entlässt. Die Bayern haben zum Ziel, dass die achtstellige Zahl mit einer Eins beginnt. Außerdem haben sie einen Blick auf Innenverteidiger Benedikt Höwedes geworfen. Doch ihn auch noch abzugeben, das dürfte für Schalke nicht infrage kommen.

Andries Jonker hat mit diesen Fragen wenig zu tun. Es gilt als ausgemacht, dass er sich der schwierigen, aber durchaus chancenreichen Aufgabe stellen wird, in der kommenden Saison die zweite Mannschaft der Bayern nach dem Abstieg aus der Dritten Liga wieder in die Spur zu setzen. Damit erspart Jonker nicht nur seinen drei Kindern einen weiteren Umzug. Er weiß auch, dass er sich mit einer erfolgreichen Aufbauarbeit im Unterholz des Profifußballs für Höheres empfehlen kann.

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