Bayern München : Irrenhaus mit Verhaltenskodex

Bayern Münchens Trainer Ottmar Hitzfeld erklärt die Suspendierung Oliver Kahns als Maßnahme gegen seinen Autoritätsverlust.

Michael Neudecker[München]

Ottmar Hitzfeld wirkte angespannt, als er das Gelände des FC Bayern München an der Säbener Straße betrat. Kein Lächeln, kein Hallo, nur ein ernster Blick. Es gibt ja auch nichts zu lachen für den Trainer der Bayern derzeit: In seiner zweiten Amtszeit ist er umgeben von Diskussionen um seine Person, um seine Fans, um seine nicht gewonnenen Spiele. Ja, seine Spiele: Der Trainer ist nämlich verantwortlich, und beim FC Bayern, so hat man in dieser Saison das Gefühl, für einfach alles. Also auch für Oliver Kahn, seinen Torwart.

Er hat ihn am Dienstag für das Bundesligaspiel bei Hertha BSC suspendiert, darüber reden aber wollte Hitzfeld am Dienstag nicht. Genau das holte er nun am Mittwoch nach. Zuvor war in nahezu sämtlichen Zeitungen und Fernsehsendern der Republik über die Maßnahme spekuliert worden, als wahrscheinliche Gründe traten ein Interview Kahns, indem er die Mitspieler Luca Toni und Franck Ribéry angriff, sowie die Weihnachtsfeier des Klubs hervor. Bei der war Kahn als erster gegangen, obwohl er als Kapitän noch eine Rede vor den Sponsoren hätte halten sollen – später soll er noch in der Stadt mit seiner Freundin Verena Kerth gesehen worden sein. Das bestätigte Hitzfeld nun am Mittwoch. „Er hat sich nicht richtig verhalten“, sagte er, „es kann nicht sein, dass er als Kapitän frühzeitig geht, das war nicht abgesprochen.“ Zudem habe er, Hitzfeld, auch das Interview gelesen und befunden, dass Kahn einen „Ehrenkodex“ verletzt habe, wonach „man seine Mitspieler nicht kritisiert“. Hitzfeld habe sich die Rückendeckung vom Vorstand geholt und dann die Suspendierung ausgesprochen, sagte er, „sonst haben wir hier ja ein Irrenhaus“. Und dann sagte er noch etwas Bemerkenswertes: „Ich habe lange genug zugesehen.“

Hitzfeld, der General, ist eine Art Synonym für Disziplin. Er verwaltet Stars streng, aber stilvoll wie kaum ein anderer Trainer. In dieser Saison aber ist alles ein bisschen anders. Mit Willy Sagnol liegt er „im Disput“, wie Manager Uli Hoeneß formuliert, Valerien Ismael geht nach Hannover, weshalb die Sache mit Kahn auch eine Botschaft ist: Ottmar Hitzfeld will sich von nun an nichts mehr gefallen lassen.

Im Januar wird er sich mit Hoeneß und dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge zusammensetzen, um über seine Zukunft zu beraten. Auch wenn Hitzfeld am Mittwoch erneut dazu nichts sagen wollte: Es wird immer wahrscheinlicher, dass Hitzfeld nicht mehr beim FC Bayern weitermacht.

Dass Oliver Kahn nicht mehr weitermacht, das ist längst entschieden. Es sollte ein harmonischer und heroischer Abgang werden im Sommer 2008, wenn Kahn sich dann vielleicht zusammen mit Hitzfeld verabschiedet. Doch die Harmonie hat nun erst einmal einen Knacks bekommen.

Es gehe darum, dass der Verein jetzt Ruhe habe, das hat Kahn am Dienstag gesagt. Doch es sieht mal wieder schlecht aus mit der Ruhe an der Säbener Straße. Die Bayern sind im Winter 2007 zwar Tabellenführer, doch die ganze Souveränität vom Saisonbeginn ist nun dahin. Oliver Kahn, der Titan, das Denkmal, verliert an Glanz, und sogar Ottmar Hitzfeld läuft Gefahr, sie zu verlieren, seine Souveränität. Um sie wiederzubekommen, wird Hitzfeld in der Winterpause einen Verhaltenskodex ausarbeiten, in dem allerdings keine Geldstrafen festgelegt werden. Die Höhe der jeweiligen Strafe richte sich stattdessen „nach dem Einkommen des Spielers“, wie Hitzfeld sagte. Wenigstens dabei ist Oliver Kahn also noch gut weg gekommen.

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