Bayern München : Keinem soll es besser gehen

Louis van Gaal nimmt nach einer Trainingswoche beim FC Bayern Abstand von seinem Lieblingssystem.

Sebastian Krass[Salzburg]
Gaal
Bayern-Coach Louis van Gaal legt auch am Spielfeldrand viel Wert auf Ordnung. -Foto: dpa

Die Uhrzeiger waren schon fast so weit, die letzte Stunde vor Mitternacht einzuleiten. Da war plötzlich ein Moment erreicht, an dem der pädagogische Eifer des Louis van Gaal schlagartig in sich zusammenfiel. „Dafür müsste ich jetzt eigentlich eine Vorlesung geben. Aber das würde zu lang dauern“, sagte er also. Damit war das Thema beendet und sehr bald auch die Pressekonferenz. Doch immerhin hatte der neue Trainer des FC Bayern zuvor schon in einem Crashkurs ein paar Grundlagen seiner taktischen Vorstellungen erläutert. „Mein Lieblingssystem ist das 4-3-3“, bekannte van Gaal wenig überraschend. Der Mann ist ja Niederländer. Doch van Gaal ist ein Mensch, der zu unterscheiden weiß zwischen dem Wünschenswerten und dem Machbaren. Und so fuhr er fort: „Aber dafür habe ich nicht die Spieler. Und ich wähle immer ein Spielsystem, dass den Qualitäten der Spieler am besten gerecht wird.“ Aktuell ist seine Wahl auf ein 4-4-2 mit deutlich ausgeprägter Mittelfeldraute gefallen. „Man kann auch mit einem 4-4-2 gut Fußball spielen“, dozierte van Gaal. Schließlich entstünden bei dieser Anordnung der Spieler auch „viele Dreiecke und Passlinien“, nur könne man im System mit Flügelstürmern „besser pressen“. Am Abend hatte er seine Versuchsanordnung erstmals dem Praxistest unterzogen, und zwar mit einem Auftritt bei Red Bull Salzburg. Guter Fußball war allerdings in den 90 torlosen Testspiel-Minuten nur in Ansätzen zu sehen. Zumindest habe die Mannschaft „sehr disziplinierten Fußball gespielt, wenn wir nicht in Ballbesitz waren“, urteilte der Trainer. Er war gnädig gestimmt, schließlich war dem Testkick erst eine gute Woche van Gaalscher Trainingsarbeit vorangegangen. Und wenn man die Spieler über diese Phase reden hört, dann ist der Begriff „Zeitenwende“ wohl durchaus angemessen – zumindest für die Maßstäbe des FC Bayern. „Es ist alles neu, er hat gute Ideen, aber sie sind nicht leicht umzusetzen“, stöhnt Mark van Bommel, der ja immerhin auch der niederländischen Fußballschule entstammt. Hamit Altintop formuliert es so: „Ich finde es gut, dass wir einen Trainer haben, der von A bis Z alles erklärt.“

Vier Wochen Vorbereitungszeit stehen van Gaal zur Verfügung – mindestens eine Woche zu wenig, wie er findet. Umso direkter ist er gleich den Kern seiner Spielphilosophie angegangen. Seit dem ersten Tag legt er höchsten Wert auf akkurates Passspiel. Und das lernt sich am besten über Wiederholung, glaubt van Gaal. Deshalb besteht der fußballerische Teil einer Einheit häufig aus nur einer Grundübung mit Variationen, die am nächsten Tag gleich noch einmal abgespult wird. Van Gaal begleitet die Übungen mit lautstarken Tadel- und Lobesrufen. Die Trillerpfeife, die ihm um den Hals hängt, benutzt er selten, die ebenfalls baumelnde Stoppuhr hingegen schon. Die Atmosphäre auf dem Platz ist konzentriert – und vor allem ernst. Die ewigen Kaspereien, mit denen sich etwa Franck Ribéry früher das Training kurzweiliger gemacht hat, sind nun tabu. „Der Trainer will es so“, sagt Miroslav Klose.

Und doch kann Louis van Gaal noch längst nicht so schalten und walten, wie er gern würde. Denn gleich mehrere Probleme überschatten diese Vorbereitung. So nervt den Trainer der zu große Kader. Häufig verschlankt er ihn, indem er ein Grüppchen von Spielern abseits trainieren lässt. Doch die Vereinsoberen tun sich nach wie vor schwer, Spieler wie Borowski, Sosa oder Breno anderweitig unterzubringen – obwohl etwa Borowskis Rückkehr nach Bremen schon besiegelt schien. Zudem stört das Reisepensum der Bayern die Arbeit. In den kommenden zwei Wochen stehen sechs Reisetage an. Selbst das Trainingslager ab Donnerstag in Donaueschingen wird durch einen Wochenendtrip unterbrochen, um Testspiele in Gelsenkirchen zu absolvieren.

Doch das Kernproblem heißt nach wie vor Franck Ribéry: Zwar sieht es im Moment so aus, als ob der Franzose gegen seinen Willen bleiben müsse, weil die Bayern an ihrer abstrusen Ablöseforderung (80 Millionen Euro, laut Real Madrids Generaldirektor Jorge Valdano) festhalten. Aber sicher kann sich da noch keiner sein. Und diese Personalie ist letztlich eine Schlüsselfrage für die taktische Ausrichtung der Mannschaft. Es ist auch durchaus vorstellbar, dass der Anarchist Ribéry in dem ausgeklügelten System, das van Gaal vorschwebt, eher wie ein Quertreiber wirkt. Im Training schlurfte Ribéry bisher meist mit hängenden Schultern umher – wenn er überhaupt dabei war. In den vergangenen Tagen pausierte der Franzose, wegen entzündeter Schleimbeutel im Knie, wie es hieß. Davor hatte er sich schon einmal entschuldigt, wegen einer Blase am Fuß.

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