Bayern München : Kreatives Nichts

Die Zeiten, in denen die Gegner den FC Bayern fürchteten, sind vorbei. Bayern München tritt verunsichert auf und könnte seine Saisonziele schon jetzt verspielt haben.

Thomas Becker[München]
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Nur weg hier. Der Münchner Arjen Robben verlässt nach dem blamablen 0:2 in der Champions League gegen Girondins Bordeaux betrübt...Foto: ddp

Mehrere Hundert Fans froren erbärmlich, als sie am Trainingsgelände auf die Fußballprofis des FC Bayern München warteten. Obwohl der Wind heftig durch die Säbener Straße pfiff, harrten die Anhänger dort geduldig aus. Dass so viele Unerschütterliche auch an diesem Morgen die Nähe zu ihren Helden suchten, war ein bisschen erstaunlich. Schließlich hatten die Münchner ein 0:2 (0:1)-Desaster gegen Girondins Bordeaux erlebt und stehen nun vor dem Aus in der Champions League. Damit droht den Bayern ein beängstigendes Szenario.

Wenn sich in den nächsten Wochen nicht noch sehr viel zum Guten fügt, dann hat der FC Bayern am Dienstag schon die komplette Saison 2009/2010 verspielt. Anfang November, nach dem vierten Champions-League-Vorrundenspiel. Nach Transferausgaben in bislang bei diesem Verein nicht gekannten Höhen. Nach der Verpflichtung eines Trainers, dessen Selbstbewusstsein und Fachverstand scheinbar automatisch zu Champions-League-Ehren führen würden. Dieser allseits hoch gelobte Trainer sagte nach der blamablen Heimniederlage nun Sätze wie diese: „Haifa hat immer nur 0:1 verloren – nur gegen uns 0:3.“ Oder: „Das Leben geht weiter. Das habe ich auch meinen Spielern in der Kabine gesagt.“ Lebbe gehd weida – van Gaal auf den Spuren von Dragoslav Stepanovic.

Es ist verständlich, dass man nach einer solchen Niederlage etwas durcheinander ist. Aber so weit sollte die Irritation nicht gehen, dass die Wahrnehmung leidet. Wie sich der FC Bayern das kreative Nichts gegen Bordeaux schön redete, das war schon interessant. Logisch, dass alle Bayern bei Kloses Schussversuch in der 32. Minute einen mindestens hundertprozentigen Elfmeter gesehen hatten. Van Gaal und auch Kapitän Mark van Bommel hatten zudem eine Unzahl von „kreierten Chancen“ gesehen, die sich auch bei mehrfacher Ansicht der Fernsehbilder auf exakt zwei reduzierten: Luca Toni in der 47. Minute und Arjen Robben nach feinem Pass von Bastian Schweinsteiger in der 62. Minute vergaben jeweils. Mehr war da nicht. Nirgends. Van Gaal sagte: „Wir waren nicht glücklich, aber auch nicht gut genug. Wir können den Französischen Meister noch nicht einfach wegspielen.“

Nein, das kann der FC Bayern in der Tat nicht. Wenn Gästetrainer wie Laurent Blanc sagen können, dass er „einen wunderschönen Abend verbracht habe“, dann weiß man, wie es um das Ansehen und den Respekt gegenüber dem deutschen Rekordmeister bestellt ist. Die Zeiten, in denen die Gegner den FC Bayern fürchteten, sind vorbei. Verunsichert und nervös sind nur noch die Bayern selbst. „Man hat gesehen, dass Bayern nicht mit dem größten Selbstvertrauen angetreten ist“, sagte Blanc. Das Sieger-Gen funktioniert nicht mehr. Philipp Lahm wurde gefragt, ob seine Mannschaft es noch in die nächste Runde der Champions League schaffen würde. „Es fällt sehr schwer, daran zu glauben“, sagte Lahm. Selbst dem Klub eng verbundene Menschen wie Ottmar Hitzfeld geraten ob des Gebotenen fast ins Spotten. „Das war taktisch sehr gut – wäre es ein Auswärtsspiel gewesen“, sagte der ehemalige Trainer der Münchner. „Das war Rasenschach statt Tempofußball.“

Ob van Gaal daran bis zum Spiel am Wochenende gegen Schalke etwas ändern kann, ist fraglich. Es sei wichtig, nun den Übergang zu finden nach einer solchen Niederlage zum Fokus auf das nächste Spiel. Um seinen Job mache er sich keine Sorgen. „Darüber mache ich mir niemals Gedanken. Das kann ich nicht entscheiden, das machen andere.“ Für das Pfeifkonzert der Zuschauer zeigte er Verständnis: „Das ist Teil des Jobs beim FC Bayern, dass das Publikum reagiert. Wir machen die Fehler, nicht die Zuschauer. Wir müssen einfach besser spielen. Ein Bayern München von van Gaal muss so stark sein, dass es sich nicht von den Umständen beeinflussen lässt.“ Bis dahin dürfte es noch ein langer, eisiger Weg sein.

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