Bayern München : Triumph über die eigenen Ansprüche

Auch unter Trainer Jürgen Klinsmann spielen die Bayern wieder so, wie sie vorher gespielt haben: effizient erfolgreich.

Stefan Hermanns
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Oh, mon dieu! Der Franzose Franck Ribéry (oben) und seine Bayern fliegen nach anfänglichen Problemen doch wieder an die...Foto: Imago

LeverkusenEs gibt Fußballtrainer, die von sich behaupten, sie hätten schon beim Einlaufen erkannt, dass ihre Mannschaft das folgende Spiel verlieren würde. Bruno Labbadia ist nach der 0:2-Niederlage im Bundesliga-Spitzenspiel gegen Bayern München nicht ganz so vermessen gewesen. Erst nach 25 Minuten erkannte der Trainer von Bayer Leverkusen etwas, das den Zuschauern zunächst noch verborgen blieb. Labbadia rieb seine beiden Fäuste gegeneinander, um zu verdeutlichen, was er meinte: Zwei mehr oder weniger gleichwertige Gegner stoßen aufeinander, sie bekämpfen sich mit Verve, aber dann gewinnt die eine Seite schleichend die Oberhand. „Das sind Millimeter“, erklärte Labbadia, Dimensionen also, die für den Laien kaum zu erkennen sind. „Aber das macht auf hohem Niveau den Unterschied aus.“ Zwanzig Minuten dauerte die Inkubationszeit, dann, mit dem Beginn der zweiten Halbzeit, brach die Dominanz der Bayern voll aus.

Die Münchner hätten nichts dagegen, wenn das Spiel in Leverkusen und sein Verlauf Modellcharakter für die gesamte Saison hätten. Nach zähem Start nähern sie sich nun ihrem natürlichen Lebensraum. Mit einem hohen Sieg am Freitag gegen die TSG Hoffenheim kann Bayern erstmals in dieser Spielzeit die Tabellenführung der Bundesliga übernehmen, das Projekt Herbstmeisterschaft, von Manager Uli Hoeneß zur vermeintlichen Unzeit ausgerufen, ist längst kein Hirngespinst mehr. „Wir müssen gegen Hoffenheim nachlegen, dann sieht es ganz gut aus“, sagte Nationalspieler Bastian Schweinsteiger.

Das war nicht immer so. Anfang Oktober lagen die Bayern nach einem historischen Fehlstart auf Platz elf, der Abstand zur Spitze betrug sieben Punkte. Seitdem sind die Münchner in neun Ligaspielen ungeschlagen geblieben, und hätten sie gegen die beiden Abstiegskandidaten Bochum und Mönchengladbach nicht insgesamt vier Punkte verbaselt, wären sie schon jetzt ganz vorne. „So hat alles seinen Lauf genommen“, sagte Trainer Jürgen Klinsmann. „Seit zwei Monaten hat die Mannschaft einen sehr intensiven Rhythmus aufgenommen. Es macht Spaß, ihr zuzuschauen.“ Für Klinsmann ist die Entwicklung ein logisches Ergebnis seiner Arbeit. „Die Mannschaft hat das locker weggesteckt“, sagte er zu den anfänglichen Problemen. Dass die von ihm eingeführten Neuerungen zu Anpassungsschwierigkeiten führen würden, „ist ein normaler Prozess, auf den wir eigentlich vorbereitet waren“. Eigentlich, denn in München sind die Ausschläge naturgemäß etwas heftiger als an anderen Standorten. „Beim FC Bayern geht es ein bisschen windiger zu“, sagte Klinsmann. Inzwischen aber herrscht fast totale Windstille.

Hier und da wird noch gekrittelt, dass die Mannschaft den von Klinsmann selbst aufgestellten Ansprüchen an Attraktivität und Modernität nicht gerecht werde. Für Klinsmanns Kritiker sind die Bayern der Jetztzeit doch nichts anderes als die alten Bayern, die vor allem das Fach Effizienz beherrschen. Doch Effizienz und Attraktivität müssen sich nicht per se ausschließen. Die Dominanz, mit der die Bayern die Leverkusener nach der Pause geradezu erdrückten, war zwar nicht unbedingt schön anzusehen, aber auf ihre Weise beeindruckend. Sie verleitete Bayerns Manager Hoeneß zu der programmatischen Aussage: „Leverkusen ist eine sehr gute Bundesligamannschaft, aber sie kann uns nicht das Wasser reichen“

Die Bayern haben ihr altes Selbstbewusstsein zurückgefunden. „Von Spiel zu Spiel werden wir besser“, sagte Bastian Schweinsteiger. „Es gibt immer noch was zu verbessern – Kleinigkeiten.“ Aber ist der Aufschwung wirklich das Resultat der klinsmannschen Methoden? Oder ist die Mannschaft nur deshalb stärker geworden, weil sie mit dem lange verletzten Franck Ribéry ihr anarchisches Element zurückbekommen hat? Gegen Bayer Leverkusen war der Franzose erneut der beste Mann auf dem Platz, obwohl sich die Leverkusener redlich mühten, seinen Einfluss einzugrenzen. „Er ist ein toller Trumpf“, sagte Klinsmann.

Bayerns Trainer wurde nach dem Erfolg gegen Bayer gefragt, ob seine Mannschaft schon den Fußball spiele, den er sich vorstelle. Jürgen Klinsmann antwortete ausführlich, ohne die Frage eigentlich zu beantworten. Vom internationalen Maßstab war in seinem Vortrag die Rede, von Barcelona, Manchester und Juventus Turin, Teams, die den Ball mit ein, zwei Kontakten zirkulieren lassen, über 90 Minuten hohes Tempo gehen und nach Ballgewinn das schnelle Umkehrspiel beherrschen. „Wir orientieren und an dem, was international stattfindet“, sagte Klinsmann. „Da gibt’s noch viel Arbeit.“

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