Bayern München unter van Gaal : Schlechter als zu Klinsmanns Zeiten

Nach dem 1:2 bei Aufsteiger FSV Mainz 05 werden bei Rekordmeister Bayern München fast überall Defizite offenbar – auch beim Trainer.

Frank Hellmann[Mainz]
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Für den Fehlstart verantwortlich: Trainer Louis van Gaal (Zweiter von rechts) mit Manager Christian Nerlinger sowie den...Foto: ddp

Es gibt gewiss luxuriösere Kabinenbereiche in der Fußball-Bundesliga als jene im Mainzer Bruchwegstadion. Gerade die Gäste müssen mit einem sehr beengten Bereich auskommen. Doch Uli Hoeneß, Karl Hopfner und Karl-Heinz Rummenigge, die versammelte Vorstandschaft des FC Bayern, störten sich an diesem für einen Rekordmeister entwürdigenden Nachmittag an ganz anderen Dingen. Während sich der Aufsteiger draußen noch ewig der Zeremonie des „Humba Täterä“ hingab, fiel drinnen rasch die graue Tür zu: Manager Hoeneß hatte mit grimmiger Miene jeden der eintretenden Versager mit missachtendem Blick gestraft, während sich Vorstandschef Rummenigge auf einen Tisch neben den Getränken setzte und auf seinem Handy rumtippte.

Danach soll es innerhalb des Triumvirats zum ersten spontanen Krisengespräch dieser fatal angelaufenen Saison gekommen sein. „Wir haben lange diskutiert“, gab AG-Chef Rummenigge später schmallippig zu, der angesichts von zwei Punkten aus drei Spielen erst von „keiner befriedigenden Situation“ sprach, dann von „einer gefährlichen Situation“. Das trifft es nach dem 1:2 (0:2) beim FSV Mainz 05 und dem schlechtesten Bundesliga-Start seit 43 Jahren wohl eher. „Wir müssen schnell die Kurve kriegen.“ Was Rummenigge so einfach sagt, wird mit diesem von Louis van Gaal angeleiteten Ensemble schwer genug.

Unter ihm spielte der FC Bayern eine Halbzeit lang noch schlechter als in schlechten Klinsmann-Zeiten und ließ sich in einer dreiviertelstündigen Lehrzeit am Nasenring durchs Mainzer Tollhaus führen. Und es stellte sich die Frage, warum ein unbekannter Trainer-Novize wie Thomas Tuchel es per Crashkurs schafft, eine Mainzer Mannschaft mit limitierten Möglichkeiten taktisch exzellent zu schulen, während das Münchner Starensemble des dekorierten Fußball-Lehrers van Gaal über den Rasen irrlichterte.

„Wir dürfen nicht so anfangen, wie wir angefangen haben. Es ist ja nicht so, dass wir nicht fußballern können“, sagte der Niederländer. „Das war sehr enttäuschend. Ich frage mich auch, was in der Vorbereitung falsch gelaufen ist.“ Seine Kicker kamen erst auf Touren, als den beschwingten Mainzern in der zweiten Hälfte die Luft ausging. Und da war es nach den Toren von Andreas Ivanschitz und Aristide Bancé schon zu spät. Dass Michael Rensing beim 0:1 mal wieder patzte, passt ins disharmonische Bayern-Bild. „Da sehe ich sicher nicht gut aus“, erklärte Rensing. „Das war absolut desolat. So reicht es nicht.“ Nicht für den Ballfänger, nicht für den Branchenführer, der am nächsten Samstag den in jeder Hinsicht enteilten Meister VfL Wolfsburg erwartet. Ein Spitzenspiel zur Krisenbewältigung. Die Ursachen der Malaise sind vielschichtig und reichen von der Personalpolitik bis zum Trainer, vom Torwart bis zum Angriff. Die Nationalstürmer Mario Gomez und Miroslav Klose hatten ihren stärksten Auftritt, als sie im Dickicht der Mikrofone verbal zuschlugen. „Es hapert irgendwo“, flüsterte Klose, „jeder ist nicht so dabei, wie er sich das vorstellt“.

Und Gomez fügte hinzu: „Das Bewusstsein, die besseren Fußballer zu sein, hat uns dazu verführt, weniger zu laufen.“ Philipp Lahm, der einen ähnlich hochroten Kopf wie der eisern schweigende Hoeneß bekommen hatte, verspürte deshalb wenig Lust, über systemtaktische Änderungen (erstmals ein 4-2-3-1-System) zu schwadronieren. „Es war keine Frage des taktischen Verhaltens, uns hat Laufbereitschaft und Aggressivität gefehlt“, giftete Lahm. Und dachte vielleicht mal darüber nach, dass die einstige linke Paradeseite zur Problemzone mutiert ist – weil van Gaal dort erstmals Edson Braafheid und Danijel Pranjic aufstellte.

Wer sah, wie vergeblich die Doppel-Sechs mit dem noch nicht integrierten Anatoli Timoschtschuk und dem erneut überforderten Bastian Schweinsteiger um Ordnung bemüht war, oder wie unsicher Holger Badstuber in der Verteidigung wirkte, dem erschließen sich die Abgänge von Zé Roberto und Lucio nicht wirklich. Ohne Not ist der Kader eine Baustelle geworden. Dabei ist noch nicht mal berücksichtigt, dass dort Franck Ribéry mit notorischer Unzufriedenheit auch noch als Saboteur unterwegs ist.

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