Bayern München : Van Gaals Kraftprobe

Bayern Münchens Trainer wechselt den Torhüter – und provoziert damit die Führungsetage des Klubs.

Carsten Eberts[München]
Im Vordergrund. Thomas Kraft scheint bei den Bayern Jörg Butt (hinten) als Nummer eins verdrängt zu haben. Foto: dpa
Im Vordergrund. Thomas Kraft scheint bei den Bayern Jörg Butt (hinten) als Nummer eins verdrängt zu haben. Foto: dpaFoto: dpa

Verdächtig geräuschlos verlief das Trainingslager des FC Bayern München in Dubai – bis zum Freitagmorgen. Nach München, das 4500 Kilometer weiter nordwestlich unter schwerem Schnee ächzte, drangen bis dahin nur wenig spektakuläre Neuigkeiten: dass Arjen Robben wieder schnell laufen kann. Dass Franck Ribéry in der Rückrunde noch einmal angreifen will. Und überhaupt, dass die Meisterschaft vielleicht doch noch nicht entschieden ist. Bis zum Freitagmorgen, denn plötzlich war wieder die Rede von Machtfragen, Alleingängen – und sogar die baldige Demission des Trainers Louis van Gaal scheint nicht mehr ausgeschlossen.

Van Gaal hat sich in Dubai offenbar entschieden, zum Start der Rückrunde einen spektakulären Torwartwechsel vorzunehmen: vom 36-jährigen Jörg Butt hin zu Thomas Kraft, dem 22 Jahre alten Nachwuchskeeper. Das ist rein sportlich kaum zu erklären, denn die Bayern haben gar kein Torwartproblem: Bei allen Abwehrtölpeleien der Hinrunde unterliefen Butt kaum Fehler, oft war der WM-Teilnehmer sogar die einzige Konstante in einer konfusen Defensive. Van Gaal jedoch arbeitet gerne mit jungen Torhütern, gab einst bei Ajax Amsterdam dem jungen Edwin van der Saar mit 22 Jahren eine Chance, die der Anfang einer Weltkarriere war. Genauso war es in Barcelona, wo van Gaal dem jungen Victor Valdes vertraute.

Seine Entscheidung für Kraft ist jedoch vor allem eine politische. Sie ist als Veto gegen die Pläne seiner Chefetage zu verstehen, das unweigerlich zur nächsten Machtprobe hochstilisiert wird. Die Vorgeschichte ist bekannt: Aus dem Streit mit Präsident Uli Hoeneß zu Saisonbeginn ging van Gaal noch als Verlierer hervor; als Bastian Schweinsteiger seine Vertragsverlängerung auffallend eng an seinen Trainer knüpfte, strahlte der General wieder. Die mögliche Ernennung von Kraft zur neuen Nummer eins ist nun wiederum eine deutliche Provokation des Holländers. Van Gaal weiß genau, dass die Bayern längst an der Verpflichtung von Manuel Neuer arbeiten. Zuletzt hatte Hoeneß betont, alles laufe seinen planmäßigen Gang. Die Verpflichtung des Nationaltorhüters ist ein Modell, in dem zwar Butt als Ersatztorhüter einen Platz finden könnte – gewiss jedoch nicht der ambitionierte Kraft, der unbedingt spielen will.

Die Klubführung ist vom Alleingang des Trainers entsprechend schockiert – allen voran Christian Nerlinger. Der Sportdirektor ist vor vollendete Tatsachen gestellt worden, van Gaal hat diesen Schritt mit niemandem abgestimmt. Der Trainer riskiere mit dieser Personalie „sogar weitreichende Konsequenzen“, hieß es aus Dubai. Gut möglich, dass Nerlinger damit bereits ankündigt, dass er den Beschluss des Trainers nicht mittragen wird. Seine Ablösung, spätestens zum Saisonende, ist damit wieder ein denkbares Szenario.

Van Gaal sieht das ein wenig anders. „Ich habe eine Verantwortung, Spieler auszubilden“, sagte der Niederländer, „auch Kraft muss lernen, mit Druck umzugehen. Jetzt ist die Zeit, das zu machen.“ Er hält offenbar große Stücke auf Kraft, der in dieser Saison bei zwei Champions-League-Spielen zum Einsatz kam. Van Gaals Chance ist klar: Rechtfertigt Kraft sein Vertrauen und spielt er eine überzeugende Rückrunde, wird auch die Notwendigkeit für eine Verpflichtung von Manuel Neuer gering. Dann hätte van Gaal diese gefährliche Machtprobe doch noch gewonnen.

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