Bayern München : Van Gaals langer Abgang

Trainer Louis van Gaal bleibt bis Saisonende Trainer des FC Bayern München. Der Holländer wird den deutschen Fußball-Rekordmeister danach allerdings vorzeitig verlassen.

Carsten Eberts
Louis van Gaal.
Louis van Gaal.Foto: dpa

Am Ende blieb zu konstatieren, dass es beim FC Bayern dieser Tage vornehmlich Verlierer gibt: Trainer Louis van Gaal, 59, weil seit Montag feststeht, dass er den Klub zum Saisonende verlassen muss. Die Vereinsführung um Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, weil sie van Gaal wohl gerne entlassen hätte, auf die Schnelle jedoch keinen Nachfolger finden konnte. Und die Mannschaft – weil ihr bereits das nächste Hickhack droht.

Der FC Bayern wird sich von Trainer Louis van Gaal trennen – so verkündete es der Klub am Montagmittag – nicht sofort, jedoch zum Saisonende. "Grund für die Auflösung des Vertrages ist die unterschiedliche Auffassung über die strategische Ausrichtung des Klubs", hieß es in der offiziellen Erklärung weiter. Van Gaals Vertrag läuft damit am 30. Juni 2011 aus.

Noch am Sonntag hatte vieles auf eine sofortige Trennung hingedeutet. Die Bayern-Bosse tagten den ganzen Nachmittag über im Haus von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge in München-Grünwald, über fünf Stunden lang, unterbrochen von zahlreichen Telefonaten. Beinahe stündlich wurde die Entlassung von van Gaal erwartet, die Frage schien nur, wen der Klub als Nachfolger präsentieren würde. Jeder Schritt von Louis van Gaal wurde deshalb als sein letzter im Amt betrachtet: die Fahrt in die Tiefgarage des Klubs, der Weg zum Trainingsgelände, die Besprechung mit der Mannschaft. "Wir sehen uns am Mittwoch. Vielleicht zum letzten Mal", soll van Gaal zum Abschied gesagt haben, bevor er seinen Spielern zwei Tage frei gab.

Diesen Satz kann van Gaal nun streichen. Denn die Bosse fanden auf die Schnelle keinen besseren Übungsleiter. Am Montagmittag kam es an der Säbener Straße dann zu einem weiteren Treffen. Wie immer zu Wochenbeginn, wenn sich die Bosse mit ihrem Trainer austauschen. Rummenigge und Nerlinger unterbreiteten van Gaal darin den Vorschlag, die Mannschaft vorerst weiter zu betreuen, am Saisonende den Vertrag dann aufzulösen. Van Gaal bekräftigte abermals, nicht zurücktreten zu wollen – und stimmte zu.

Die Tage zuvor hatte van Gaal mit reservierter Entspannung erlebt: "Wer soll auf van Gaal nachfolgen?", hatte er bereits vor dem 1:3 bei Hannover 96  provokant verkündet, als rechnete er bereits damit, dass es für ihn beim Rekordmeister weiter geht. Er hatte das Spielsystem des Vereins revolutioniert, einen riesigen Trainerstab installiert. Zudem hat van Gaal in dieser Saison bereits bewiesen, dass er mit dieser Mannschaft große Spiele liefern kann. Was der Klub in seiner Erklärung nun mit der "strategischen Ausrichtung" meint, kann nur vermutet werden. Denkbar ist, dass van Gaal sich Zeit erbat, junge Spieler ausbilden zu können, der Klub ihm diese Zeit offenbar nicht geben wollte.

Van Gaal und seine Arbeit sind damit demontiert, doch auch die Klubführung steht nicht sonderlich glücklich da. Die Bosse hätten van Gaal offenbar gerne sofort ersetzt – doch es gab wohl keinen Kandidaten, der sie überzeugte: Nicht Matthias Sammer, der sich spätestens durch seine Verhandlungen mit dem Hamburger SV als schwieriger Partner erwies. Nicht Mehmet Scholl oder Thorsten Fink, die sich als Trainer noch nie bei einem großen Klub bewähren konnten. Auch nicht Co-Trainer Andries Jonker. Es gab ihn schlichtweg nicht – den Richtigen, den Mister X.

Jupp Heynckes stand ebenfalls nicht zur Verfügung. Jedenfalls nicht sofort. Medienberichten zufolge hat der Klub bereits mit Heynckes verhandelt, der dieser Tage eigentlich bei Bayer Leverkusen vor der Vertragsverlängerung steht. Doch die Zeichen verdichten sich, dass Hoeneß und Rummenigge in dieser schweren Stunde des Klubs versuchen, ihren alten Freund aus Leverkusen noch einmal zu einem Engagement in München zu überreden. Ob sich mit Heynckes, der im Mai seinen 66. Geburtstag feiert, jedoch eine neue Ära starten ließe, scheint zweifelhaft.

Die Entscheidung, sich erst auf Raten von van Gaal zu trennen, stellt nun besonders die Mannschaft vor ein Problem: Nicht, weil sie mit dem Holländer nicht zusammenarbeiten will – erst am Samstag hatten ihm wichtige Spieler wie Philipp Lahm erneut das Vertrauen ausgesprochen. Doch van Gaal ist nun das, was in der Politik "Lame Duck" genannt wird: Ein Chef, der nur noch geringe Machtbefugnisse hat, dessen Anweisungen ab Sommer ohnehin nicht mehr von Belang sind. Die Frage ist, was passiert, wenn die Bayern am Samstag auch gegen den Hamburger SV verlieren. Geht es mit van Gaal auch weiter, wenn die Qualifikation für die Champions League in noch größere Gefahr gerät?

"Es ist ohne Frage sehr, sehr schwierig, aber wir sind uns trotz der künftigen Trennung einig, dass wir unsere Kräfte gemeinsam für unsere Ziele einsetzen", erklärte Rummenigge am Montagnachmittag knapp. Dem Klub bleibt zumindest die Hoffnung, die nächsten Wochen heil zu überstehen.

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