Bayern München : Veräterische Selbstanalyse

Die Aufarbeitung des Champions-League-Spiels gegen Barcelona offenbart sie Schwächen des FC Bayern. Der Gegner wird in den Himmel gelobt und in der Mannschaft ein Sündenbock gefunden, der noch nicht einmal auf dem Platz stand.

Sebastian Krass[München]
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Mark van Bommel stand der Sinn nach Selbstkritik, aber eines – das machte er gleich zu Beginn seiner erstaunlichen Rede klar – war für ihn nicht diskutabel: der Einsatzwille, der Kern seiner Sportlerehre sozusagen. „Ich finde es unglaublich, wenn man sagt, dass wir ohne Herz gespielt haben“, erklärte er in Widerspruch zur Bankettansprache, die sein Chef, der Vorstandsvorsitzende Karl- Heinz Rummenigge, nach dem epochalen 0:4 beim FC Barcelona gehalten hatte („Stolz des Klubs mit Füßen getreten“). „Der Wille ist immer da“, fuhr van Bommel fort. „Aber wenn man gegen Barcelona spielt, dann kommt man einfach nicht an den Mann ran. Ich wollte treten, Zé Roberto auch. Aber die halten den Platz so breit, da kommt man einfach nicht ran. Da kann man machen, was man will.“

Wenige Minuten vor van Bommels Rede hatte der FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt gewonnen. Doch dieses 4:0 war eine Nebensächlichkeit. Spieler wie Trainer waren über das Osterwochenende noch damit beschäftigt, das Trauma aus Barcelona zu verarbeiten – auch deshalb, weil schon am Dienstag (20.45 Uhr) das Rückspiel im Viertelfinale der Champions League ansteht. „Ich habe mich geschämt auf dem Platz“, sagt van Bommel.

Seine Selbstgeißelung lässt interessante Schlüsse auf die körperliche wie geistige Verfassung der Mannschaft zu. Die Worte des Kapitäns zeugen von einer Denkweise, derzufolge man Partien vor allem durch Körperkontakt dominieren kann. Das mag gegen viele Gegner noch funktionieren. Doch im Kontrast zum FC Barcelona mutet diese Philosophie so antiquiert an wie die Lehren mittelalterlicher Wanderprediger. Denn der Clou am Spiel der Katalanen ist ja, dass sie genau diese Van-Bommel’schen Zusammenstöße vermeiden, und zwar durch Technik, eingeübte Passwege und Schnelligkeit. So ähnlich schwebt das Bayerns Trainer Jürgen Klinsmann eigentlich auch vor.

Die Bayern haben zwar ein paar Spieler, die den Ball gut im Griff haben. Doch der einzige einstudierte Spielzug, der funktioniert, ist der Pass auf Franck Ribéry. Und wie es um die Schnelligkeit von Stammspielern wie van Bommel, Zé Roberto, Toni und Demichelis im internationalen Vergleich bestellt ist, hat das Hinspiel bewiesen. Es stimmt schon: So kommt man einfach nicht ran.

„Wir sind in Barcelona an unsere Grenzen gestoßen“, sagt Klinsmann. Verständlicherweise nicht gesagt hat er, dass diese Grenzen sich auch nach zehn Monaten seiner Amtszeit nicht ausgedehnt haben. Doch weil die Bundesligatabelle dank der Ergebnisse von Berlin und Hamburg für die Bayern wieder freundlicher aussieht, dürfte die Diskussion um Klinsmanns berufliche Zukunft sich vorerst beruhigen.

Dazu hat auch er selbst beigetragen, indem er eine neue, ablenkende Debatte eröffnet hat. Gegen Frankfurt ließ Klinsmann erneut Hans-Jörg Butt anstelle von Michael Rensing spielen. Butt sei dem eigentlichen Stammtorhüter in Sachen Erfahrung und internes Ansehen voraus, etwa wenn es darum gehe, „von der Abwehr angespielt zu werden“. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich die Zukunft Rensings weiter gestaltet. Schließlich gilt Uli Hoeneß als einer seiner Fürsprecher.

Es heißt, Klinsmann habe Rensing schon früher absägen wollen, aber nicht dürfen. Zudem kursiert das Gerücht, Bayern habe sich bereits mit Hannovers Robert Enke geeinigt. Klinsmanns Dementi fiel weich aus. Enke selbst, dessen Vertrag bis 2010 läuft, sagt: „Ich habe zurzeit keinen Kontakt mit Bayern.“ Martin Kind, Vorstandschef von Hannover 96, hingegen erklärt: „Wenn die Bayern es wünschen, würden wir ein Gespräch nicht ablehnen.“

Darf man Klinsmann kreuzigen? S. 35

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