Bayern München : Von Zweifeln ungetrübt

Zwei Titel haben die Bayern schon. Aber sie sind sicher, dass sie gegen Mailand auch die Champions League und damit das historische Triple gewinnen.

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Am Dienstag um zehn Uhr fuhr der Mannschaftsbus ab nach Madrid. Leer natürlich, nur mit den beiden Fahrern für die mehr als 2000 Kilometer. Es war trotzdem noch ein kleines Ereignis auf Münchens Säbener Straße, das ein paar Fans auf dem Parkplatz vor dem Trainingsgelände des FC Bayern zu Jubeljauchzern animierte. Wenn ein leerer weißer Bus mit dem Logo des Klubs beklatscht wird, kann man wohl davon sprechen, dass München, wenigstens ein Teil davon, durchdreht. Was auch die 54 erwachsenen Menschen bezeugen, die sich gestern beim nicht öffentlichen Abschlusstraining am Sichtschutzzaun die Nase platt drückten und das Treiben per Gehör verfolgten. Aber es steht ja auch nichts Geringeres an als der Höhepunkt in der mit Höhepunkten gesegneten Vereinsgeschichte, die Kreation der absoluten Dominanz, der Dreisprung vom Meistertitel über den Pokalgewinn zum Triumph in der Champions League. Dergleichen hat im Vorjahr der FC Barcelona geschafft und vor elf Jahren Manchester United, sonst niemand. Ein bisschen trübt die Euphorie, dass der Gegner am Samstag im Madrider Bernabeu-Stadion, Inter Mailand, exakt den gleichen Plan verfolgt.

Aber nur ein bisschen. Bei Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Ivica Olic, Arjen Robben, Mark van Bommel und Trainer Louis van Gaal, der Hautevolee des FC Bayern, war von Trübnis nichts zu spüren. Der Tenor, dargestellt von Robben: „Inter ist taktisch sicher sehr stark, aber spielerisch sind wir stärker.“

Sie strotzen vor Kraft, nachdem sie Werder Bremen am Wochenende im nationalen Pokal mit 4:0 gedemütigt haben. Was van Bommel, der vor vier Jahren mit dem FC Barcelona schon einmal die Champions League gewonnen hat, ins Schwärmen bringt: „Mag sein, dass wir im Vergleich mit Barcelona damals bei den Einzelspielern etwas weniger Qualität haben, aber wir sind die bessere Mannschaft, die Charaktere stimmen, wir sind zusammengewachsen, alles passt. Es ist schon außergewöhnlich, was wir hier erleben.“ Angst und Skepsis sehen und drücken sich irgendwie anders aus. „Die ganze Saison haben wir gesagt: Wir sind auf dem Weg zu einem Spitzenteam“, sagt Präsident Uli Hoeneß. „Jetzt sind wir es.“

Auftritt Louis van Gaal, dem Zweifel, womöglich Selbstzweifel, fremd sind. „Der Unterschied zu Inter? Ich trainiere, um attraktiv und siegreich zu spielen. Mourinho will nur gewinnen. Was Inter ganz gut kann ist Pressing.“ Und dann bricht er ab, gerade so, als halte er nicht viel von der Arbeit seines ehemaligen Assistenten José Mourinho. Und dass Franck Ribéry gesperrt ist? Bekümmert van Gaal nicht: „Dann habe ich einen Ersatzspieler.“ Der wird Hamit Altintop sein, der diesen Part schon im Halbfinale in Lyon mit Bravour erfüllte und nun, wie er am Vortag der Abreise mit sichtlichem Stolz verkündete, „Geschichte schreiben will“.

Später gab der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge noch eine Anekdote zum Besten, die zeigt, wie es ums Seelenheil des Trainers bestellt ist. Nach Inters Sieg über den FC Chelsea – die Bayern hatten sich gerade gegen Florenz durchgesetzt –, da simste van Gaal seinem Kollegen eine Nachricht: „Congratulation, see you in Madrid.“ Da stand also schon fest, dass die Münchner Manchester United aus dem Wettbewerb werfen und Olympique Lyon kein Problem darstellt.

So glücklich und stolz sind sie alle beim FC Bayern, dass selbst der sonst so kühle Rummenigge gefühlig wird. „Wir haben im Pokalfinale gesehen, dass auch deutscher Fußball voller Leichtigkeit sein kann, voller Schönheit, voller Eleganz.“ Und diesen Fußball spielt der FC Bayern. Und dann erinnert Rummenigge sich noch voller Wehmut an damals, als er selber vor einem Finale des Europapokals der Landesmeister stand, 19 Jahre alt war und voller Nervosität. Um seine Nerven zu beruhigen, so Rummenigge, habe man ihm einen großen Cognac eingeflößt. „Das haben die Jungs heute nicht nötig.“

Den Sonntag haben sie auch schon verplant. Nach der Rückkehr aus Madrid startet die Mannschaft einen Autokorso. So oder so. Der derzeitigen Gemütslage nach, eher so. Mit der Schale im Arm, einem kleinen Pokal daneben und einem großen obendrauf. Der umjubelte Mannschaftsbus wird dann noch unterwegs sein. München dreht auch ohne ihn durch.

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