Bayern München : Vorwärts in die Moderne

Louis van Gaal baut die Bayern weiter um, für Martin Demichelis bedeutet das nichts Gutes.

von

Über die Abendgestaltung des Argentiniers Martin Demichelis gibt es keine gerichtsverwertbaren Erkenntnisse. Was er am Freitag nach acht gemacht hat, weiß man nicht; was er nicht gemacht hat, sehr wohl. Demichelis hat beim Saisonauftakt gegen den VfL Wolfsburg nicht in der Startelf des FC Bayern München gestanden, wie es viele, allen voran Demichelis, erwartet hatten. Er saß auch nicht auf der Ersatzbank, wohin Trainer Louis van Gaal den 29-Jährigen delegiert hatte, und auch im Stadion wurde Demichelis nicht gesehen. Vermutlich hat der Argentinier den glücklichen 2:1-Erfolg der Kollegen zu Hause vor dem Fernseher verfolgt – und man kann Demichelis nur wünschen, dass er unmittelbar nach dem Schlusspfiff auf den roten Knopf der Fernbedienung gedrückt hat. So hätte er sich zumindest die finale Demütigung erspart.

Es war fast beleidigend gelassen, wie van Gaal auf Demichelis’ Verstoß gegen die guten Sitten reagierte. „Natürlich ist es ein Schock für einen Spieler, der letztes Jahr noch Stammspieler war“, sagte der Holländer, der den bisherigen Innenverteidiger im Laufe der Woche darüber informiert hatte, dass fortan Holger Badstuber seine Position in der Viererkette einnehmen werde. Der stolze Argentinier empfand das als inakzeptabel und verweigerte den Dienst. „Er braucht etwas Zeit, das zu verarbeiten – die gebe ich ihm“, berichtete van Gaal über die Unterredung und ihre Folgen. „Ich denke, dass wir das sehr gut gelöst haben.“

Sehr gut gelöst? Demichelis kündigte noch am Abend des Spiels via „Bild“ das baldige Ende seiner Zeit in München an, der Boulevard schrie: Eklat!, van Gaal aber redete über die Affäre so nüchtern wie ein Rechnungsprüfer. War es die Freude über den späten Sieg gegen Wolfsburg, die den Holländer milde stimmte? Oder triumphierte van Gaal innerlich, weil er wieder einmal Recht behalten hatte? Der Öffentlichkeit war es ja ziemlich befremdlich vorgekommen, dass die Bayern in diesem Sommer keinen einzigen Transfer getätigt hatten. Van Gaal hingegen kündigte statt Zugängen weitere Abgänge an: 25 Spieler seien zu viel, 22 eine praktikable Größe. Jeder müsse eine realistische Chance auf Einsätze haben, sonst drohe innerhalb des Kaders Unmut. Das Verhalten des Martin Demichelis scheint ihm Recht zu geben.

Während Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge einen Verkauf des Argentiniers ausschloss (siehe Interview), war das Bedauern van Gaals, nun ja, eher taktischer Natur. „Ich habe ein Problem, wenn er weggeht“, sagte er. „Dann habe ich keinen Ersatzspieler für van Buyten mehr, weil Breno noch nicht fit ist.“ Noch mal zum Mitschreiben: Der argentinische Nationalspieler Demichelis wird noch als Ersatzmann gebraucht – aber nur so lange, wie der Brasilianer Breno (20 Jahre, 15 Bundesligaeinsätze) fehlt. Danach übernimmt Daniel van Buyten vermutlich die Rolle des Reservisten.

Van Gaal hat seine beiden Innenverteidiger Demichelis und van Buyten in der vorigen Saison gegen alle Angriffe von außen verteidigt; dabei wirkten sie schon damals im jugendlichen Ensemble der Bayern wie aus der Zeit gefallen. In der Bundesliga machten sich ihre Defizite nicht allzu negativ bemerkbar, im Champions-League-Finale aber offenbarte Inter Mailand ihre Probleme mit der zeitgemäßen Form der Verteidigung. Demichelis und van Buyten werden nun nach Lucio und Luca Toni die nächsten Opfer von van Gaals Modernisierungsprozess – spätestens in zwei oder drei Monaten, wenn der Breno nach seinem Kreuzbandriss wieder mitwirken kann. Der junge Brasilianer wurde bereits als Fehleinkauf verspottet, mit seinen Anlagen aber passt er perfekt ins System van Gaal: Er ist schnell, technisch stark und taktisch gut. „Wir haben ihn nicht für nichts geholt“, sagte Bayerns Trainer. „Mit ihm können wir ein bisschen weiter vor unserem Tor verteidigen.“

Vielleicht hat Demichelis gedacht, mit seinem angedrohten Abschied einen Schrei des Entsetzens auszulösen. Van Gaal aber hielt sich auffallend zurück. So ähnlich ist es vor einem Jahr dem Brasilianer Lucio ergangen, der sich von seinem neuen Trainer nicht ausreichend gewürdigt fühlte und schließlich zu Inter Mailand flüchtete. „Der Spieler hat immer das Recht, eine Entscheidung zu treffen“, sagte Louis van Gaal zu den Wechselabsichten von Martin Demichelis. „Aber so weit ist es noch nicht.“ Noch nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar