Bayern München vs Chelsea : Der Kampf der Fußball-Kulturen

Im Champions League-Finale treffen zwei Giganten aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch in dieser Partie geht es um mehr als um einen Pokal mit Schweineohren.

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Der Champions League Pokal ist die am stärksten umkämpfte Trophäe im europäischen Fußball.Alle Bilder anzeigen
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19.05.2012 11:42Der Champions League Pokal ist die am stärksten umkämpfte Trophäe im europäischen Fußball.

Der Dramatiker und Lyriker Albert Ostermaier, Münchner von Geburt und Herzen, hat dieser Tage eine Liebeserklärung abgegeben. „Der FC Bayern entscheidet und handelt immer aus dem Bauch, nach dem Herzschlag, der hinaus aus der Brust zum Horizont schlagen will, der da wie eine Torlinie liegt, über die der Ball fliegen muss“, schreibt er in der „Süddeutschen Zeitung“. Und über den Präsidenten des Klubs, über Uli Hoeneß, befindet Ostermaier, dass das der beste Mann ist, „der das größte Herzbergwerk des Profifußballs hat“.

Sir Peter Jonas, Londoner von Geburt und Gemüt und 13 Jahre lang Intendant der Bayerischen Staatsoper in München, hat aus gleichem Anlass auch eine Erklärung verfasst. „Chelsea war immer ein sehr unsympathischer Klub. Das war Chelsea, hart, brutal. Und jetzt, jetzt ist Chelsea nur noch teuer. Man hat sich Erfolg gekauft, das ist nicht sympathischer.“ Und über den Eigner des Klubs, über Roman Abramowitsch, urteilt Sir Jonas, dass er obstrus ist und nicht zu fassen, „er ist enorm reich und total rücksichtslos.“

Zum 60. Geburtstag von Bayern-Trainer Uli Hoeneß haben wir was für's Album gebastelt:

Uli Hoeneß zum 60. Geburtstag
Uli Hoeneß wird am 5. Januar 60 Jahre alt. Hoeneß ist die Symbolfigur des FC Bayern, er hat den Verein in die Spitze des Weltfußballs geführt.Alle Bilder anzeigen
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04.01.2012 14:11Uli Hoeneß wird am 5. Januar 60 Jahre alt. Hoeneß ist die Symbolfigur des FC Bayern, er hat den Verein in die Spitze des...

Um was also geht es heute Abend, wenn in der Münchner Arena der FC Bayern München und der FC Chelsea das Finale der Champions League bestreiten? Vorderhand um einen Pokal, einen nicht sonderlich hübschen, einen ziemlich großen mit riesigen Henkeln dran, die aussehen wie überdimensionierte Schweineohren – aber es ist nun mal der wichtigste, bedeutendste und am stärksten umkämpfte Pokal des europäischen Fußballs. Darüber hinaus geht es darum, dass man sich mit Geld eben doch nicht alles kaufen kann. Zwar Yachten, die in etwa die Größe amerikanischer Flugzeugträger haben. Oder auch Edvard Munchs „Schrei“, für das sich Roman Abramowitsch ebenfalls interessierte, als es kürzlich bei Sotheby’s versteigert wurde. Dass er es nicht kaufte, an den 120 Millionen Dollar lag es gewiss nicht. Auch einen Fußballklub kann man kaufen, wie es Abramowitsch 2003 tat. All das und noch viel mehr kriegt man für Geld und mit Beziehungen, nur den Pott, den kriegt man dafür nicht, zumindest nicht automatisch.

Und das ist es letztendlich um was es heute Abend auch geht: Wie erzielt man maximalen Erfolg auch im Sport, mit klassischen Werten von ehrbaren Kaufleuten, mit Anstand mithin? Oder doch mit Rigorosität, Protzerei und Geldverschwendung?

Dass dieses Spiel, dieses Finale dahoam, nicht einfach nur ein Finale der Champions League ist, ist in München seit Tagen fast greifbar zu spüren. Zwar war die Stadt am Freitag noch nicht in rot und weiß gehüllt, aber das wird sich bis heute geändert haben. Die Treffpunkte der jeweiligen Fan-Lager sind positioniert, die Münchner können sich am Stachus sammeln, die Engländer am Odeonsplatz, insgesamt wird mit 30000 Fans von der Insel gerechnet. Damit es nicht zu einem clash of culture kommt sind über 2000 Polizeibeamte im Einsatz. Nahezu jede Kneipe, jede Bar bietet public viewing an, 65000 Menschen werden das Spiel im alten Olympiastadion auf einer 144 Quadratmeter großen Leinwand verfolgen, 30000 stehen dafür auf der Theresienwiese, die UEFA rechnet mit 200 Millionen TV-Zuschauern in 210 Ländern, 2600 Medienmenschen sind akkreditiert – das Champions League-Finale hat Ausmaße bekommen, die ansonsten nur noch von der Fußball-Weltmeisterschaft, Olympischen Spielen und dereinst von der ersten Landung auf dem Mars übertroffen werden.

Und mitten drin steht der FC Bayern München als Gutmensch gegen die Globalisierung, gegen Abzocke und Finanzströme. Dabei gilt der FC Bayern hierzulande innerhalb und außerhalb des Fußballs und trotz zahlreicher Dementis und widersprechenden Taten und Aktionen vielen immer noch als Ausgeburt des Bösen, als seelenloser Seelenverkäufer und Scheckbuchtäter. Zwar ist einer der führenden Bayern-Basher, Campino von den Toten Hosen, schon mächtig zurückgerudert: „Man kann mit Bayern München nur ordentlich als Feind umgehen, wenn man unsachlich bleibt. Sobald man sich an die Fakten hält, wird es schwierig.“ Aber das hat nichts an der vorherrschenden Meinung geändert, dass den Bayern die arroganten Lederhosen ausgezogen gehören.

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