Sport : Bayrische Basisdemokratie

Detlef Dresslein

München. Der Kaiser wurde melancholisch. Von dem neuen Stadion - sagte Franz Beckenbauer in netter Runde und nicht mehr wirklich promillefrei -, von dem neuen Stadion werde er nichts haben. Er tue das alles nicht für sich, sondern für die Allgemeinheit, den Fußball und den Münchner Bürger an sich. Dann zeigte er an die Zimmerdecke und sagte, so bedeutungsschwer wie kaiserlich locker: "Vielleicht bin ich 2006 ja auch schon eine Etage höher, man weiß ja nie." Nicht nur weil es in dem Gebäude keine oberen Stockwerke gab, wusste jeder, was er meinte.

Beckenbauer war zuletzt ungeduldig. Er ist ja immer schnell dabei, wenn es gilt, nicht ganz standfeste Gegner mit Charme und Süffisanz glattzubügeln. So hat er es immer gemacht, als Spieler, als Teamchef, als Bayern-Präsident und als Ehemann auf Abwegen. Weil es halt immer funktioniert hat. Und menschlich verständlich war es letztlich auch, dass er die Argumente gegen den Stadionneubau in München-Fröttmaning, nicht immer wieder argumentativ belegen will. So wie man einem, der nicht wahrhaben will, dass das Gras grün ist, die Erde rund und München die schönste Stadt der Welt, das nicht immer wieder neu erklären mag. So polterte der Kaiser: "Wenn das neue Stadion nicht kommt, dann wird die WM ohne München stattfinden." Das saß. Wirkte aber nicht, denn es wurde weiter plakatiert ("Nein zum Milliardengeschenk für den Profisport") und diskutiert. Die Stadiongegner brachten ihre Argumente vor: 1.die Kosten, 2. die Kosten, 3. die Kosten.

Also drohte der Kaiser mit dem Auszug. Man wolle "München" streichen und fortan als FC Bayern durchs Land ziehen. Daraufhin hub ein Gezeter an, und Beckenbauer dementierte. Und er musste feststellen, dass zwischen gesundem bajuwarischen Menschenverstand und politischem Kalkül eben ein Unterschied besteht. Und Gegner gibt es immer, auch wenn die Argumentationslage eindeutig in Richtung Stadionneubau tendiert: 8000 Arbeitsplätze nur in der Bauphase, ein städtebauliches Juwel im Brachland am nördlichen Stadteingang, das WM-Eröffnungsspiel samt 20 000 Medienschaffenden im Medienzentrum, eine der besten Fußballarenen Europas auf Jahre hinaus - und das alles zu kleinem Preis, denn die Vereine bauen auf eigene Kosten. Die Stadt müsste nur 200 Millionen Mark für Autobahnanschluss und U-Bahnhof bereitstellen. Die Gegenargumente verblassen schon angesichts der Tatsache, dass der Umbau der Münchner Kammerspiele mindestens ebenso viel verschlingt. Doch wer wagt es, gegen Kultur zu argumentieren? Das ist bei Fußballfan-Proleten und Spieler-Millionarios leichter.

Doch die spezielle bayrische Basisdemokratie macht es der ganz großen Koalition aus Rot, Schwarz und Gelb (Politik) sowie Rot und Blau (Fußball) schwer. Beim heute anstehenden Bürgerentscheid muss nicht nur die Mehrheit der Stimmen her. Die Zahl der Ja-Stimmen muss zudem über 10 Prozent aller Münchner Wahlberechtigten liegen, also bei gut 90 000. Die Befürworter erinnerten jetzt noch einmal daran, dass es die Olympischen Spiele 1972 kaum gegeben hätte, wenn es damals schon Bürgerentscheide gegeben hätte. Und in der Diskussion um das neue Stadion verzichteten sie lieber gleich auf den besser angebundenen Standort auf dem Gelände der Zentralen Hochschulsportanlage. Denn dort hätten die 10 000 Bewohner des Olympiadorfs garantiert heftig protestiert. So zog man hinaus nach Fröttmaning zwischen Schuttberg, Autobahnkreuz und Klärschlammanlage. Seitdem Ende Juli der Standort festgelegt worden war, warben alle gemeinsam für den Neubau. Nur Grüne und Republikaner opponierten in merkwürdiger Allianz gegen das Projekt. Die Befürworter klebten Tausende Plakate, auf denen Bayern-Boss Beckenbauer den Brathähnchen-Baron und 1860-Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser herzte, oder der Olli Kahn den Icke Häßler und überhaupt jeder Rote jeden Blauen.

Aber schon beim Derby vergangene Woche zeigte sich, dass noch nicht mal alle Fußballfans hinter dem Neubau stehen. Die Anhänger von 1860 beantworteten das "Ja" der Bayern-Fans mit Transparenten: "Nein zu Fröttmaning, niemals Kaiserdom." Wenn nicht einmal alle Fußballfans Ja sagen am heutigen Sonntag, was dann, Herr Kaiser?

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