Sport : Bayrische Realpolitik

Daniel Pontzen

Es dauerte eine Weile, bis die Beteiligten nach der turbulenten Schlussphase ihre Gefühle in den Griff bekommen hatten. Der FC Bayern hatte zwar das erste Viertelfinale in der Champions League gegen Real Madrid 2:1 gewonnen, trotzdem pendelte die Stimmung bei den Münchnern zwischen Gereiztheit und Genugtuung. Den Auftritt des Gastes aus Madrid hatte man als Affront gewertet, als missratenen Versuch einer Bloßstellung des Weltpokalsiegers. "Die wollten uns verarschen", klagte Hasan Salihamidzic, "aber sie haben es übertrieben mit ihrem Hacke-Spitze-eins-zwei-drei."

Seine Mannschaftskollegen hatten ebenso empfunden. Bixente Lizarazu sagte: "Sie wollten mit uns spielen, aber immer wenn man spielen will, muss man dafür bezahlen." Kompromisslos formulierte Oliver Kahn seine Geringschätzung für die Arbeit des Gegners. "Sie haben äußerst arrogant gespielt, sie wollten uns vorführen", sagte Kahn und blickte drein wie ein Ladendetektiv, der einen Dieb inflagranti erwischt. "Das hat nur dazu geführt, dass wir topmotiviert aus der Kabine gekommen sind und topmotiviert nach Madrid fahren." Strafe muss sein.

Tatsächlich war die Madrider Ballspielkunst der Schlüssel zum Münchner Sieg. 45 Minuten lang schien es das einzige Ziel der Spanier, des Gegners spielerische Defizite aufzuzeigen. Doch im Streben nach höchster Fußball-Ästhetik vergaßen sie die Effektivität. "In 90 Minuten habe ich nicht eine Torchance für Real gesehen", sagte Manager Uli Hoeneß und lag mit seiner Einschätzung nahe an der Wahrheit: Nur zwei Schüsse flogen im gesamten Spiel auf das Tor der Bayern. Der zweite Fehler, der Real anzukreiden ist: Sie unterschätzten die Fähigkeit des Deutschen Meisters, angestauten Frust in positive Energie umzuwandeln. "In der Halbzeit hat sich die Mannschaft gesagt: So etwas lassen wir nicht mit uns machen", berichtete Hoeneß. Nach 60 Minuten wollte er "mit das Beste" gesehen haben, "was die Mannschaft in letzter Zeit gezeigt hat."

In jedem Fall besann sich der Gastgeber auf das, was Trainer Ottmar Hitzfeld "deutsche Tugenden" nannte. Und einer, der diese schlichteren Fertigkeiten besonders zu verkörpern weiß, trat in den Mittelpunkt: Stefan Effenberg. In der ersten Halbzeit war auch er im Real-Film zum Komparsen degradiert, und kurze Zeit schien es, als sollte ihm bei seiner letzten großen München-Mission, der Titelverteidigung der Champions League, die Rolle der tragischen Figur vorbehalten sein. Mit der Einschätzung, er sei einer, der die Mannschaft in großen Spielen führen kann, war zuletzt regelmäßig sein Einsatz begründet worden. Doch im vermeintlich entscheidenden Moment versagten ihm die Nerven - mit seinem Elfmeter, der großen Chance zum Ausgleich, zwang er Real-Torwart César nicht mal zu einer besonderen Parade.

"Es spricht für Stefans Klasse, wenn er nach dem Elfmeter weiterspielt und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt", sagte Hoeneß. Der Gelobte wehrte sich gleich nach dem Misserfolgserlebnis hartnäckig gegen die Verliererrolle. "Den viel schwierigeren Ball habe ich reingeschossen", kommentierte Effenberg sein Ausgleichstor, das Auftakt war zu einer fulminanten Schlussphase mit dem Siegtreffer durch Pizarro - und der wiedergefundenen Begierde nach Erfolg. Dass die Bayern auch nach dem 2:1 weiter nach vorne spielten, zeige, so sagte Effenberg, "wie viel Lust wir haben." Und dann warnte der Kapitän davor, eines der Fußball-Gesetze außer Acht zu lassen: "Bayern glaubt immer daran, dass das Unmögliche zu schaffen ist." Im Vergleich zu den Kollegen beurteilte er den Gast derweil gnädig: "Real hat gezeigt, dass sie sich zu Recht als beste Mannschaft der Welt bezeichnen." Aber, fügte er schmunzelnd an, "wir sind knapp dahinter."

Um die Reihenfolge umzudrehen, reicht dem FC Bayern München beim Rückspiel am kommenden Mittwoch ein Remis. "Vor dem Spiel habe ich die Chancen fünfzig zu fünfzig eingeschätzt, dabei bleibe ich", sagte Hoeneß mit ungewohnter Bescheidenheit. Vielleicht nicht das schlechteste Mittel. Man könnte es auch Real Madrid empfehlen.

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