Beachvolleyball : Der Kaukasus-Krieg reicht bis zum Amazonas

Die brasilianischen Beachvolleyballerinnen Cristine Santanna und Andrezza Chagas starten für Georgien.

Benedikt Voigt[Peking]
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Am Strand für Georgien. Andrezza Chagas (vorn), Cristine Santanna.Foto: AFP

Es ist ein ungemütlicher Abschiedsabend für Georgiens Beachvolleyballerinnen bei den Olympischen Spielen geworden. Kurz vor 22 Uhr stehen Cristine Santanna und Andrezza Chagas im roten Bikini auf dem Beachvolleyball-Nebenplatz im Chaoyang-Park und frieren. Der Sand wärmt ihre Füße nicht mehr, nachmittägliche Regenschauer haben die Temperaturen auf 20 Grad senken lassen, der Wind bläst unangenehm. Stolz sei sie auf das, was sie geleistet habe, sagt Cristine Santanna trotz der 1:2-Niederlage in der Trostrunde gegen Belgien, und, nein, der Krieg habe sie nicht abgelenkt.

Der Krieg im Kaukasus. „Das ist sehr traurig“, sagt Santanna. Die großgewachsene Athletin darf für beide die Fragen beantworten, sie spricht besser Englisch. „Auf die anderen in unserer Mannschaft hat der Krieg größere Auswirkungen gehabt, zum Beispiel auf die Judo-Kämpfer, sie haben Familie dort“, erklärt sie. Sie selbst aber habe keine Verwandten in Georgien. „Ich möchte nicht über politische Dinge reden, hoffe aber, dass es bald vorbei ist“, sagt sie lächelnd. Es ist ein aufgesetzt wirkendes Lächeln.

Wohin nach Olympia?

Wohin fahren die Beachvolleyballerinen nach dem Ausscheiden? Nach Georgien, das Land, das sie im Frieden verlassen haben dürften und das seit dem Eröffnungstag der Olympischen Spiele im Krieg mit Russland liegt? Nein, sagt Santanna, nach Kristiansand, Norwegen, zum nächsten Turnier. „Und dann nach Brasilien, ich war schon seit über drei Monaten nicht mehr zu Hause.“

Zu Hause?

Ja, sagt Chagas, die kleinere Dunkelhaarige, die plötzlich doch ein bisschen Englisch spricht. „Ich wohne auch in Brasilien, im Amazonas-Gebiet.“ Und erzählt eine Geschichte, die für den modernen Sport gar nicht mehr so ungewöhnlich ist. Die jedoch durch die politische Entwicklung eine seltsame Wendung bekommen hat. Sie erzählt, wie zwei Brasilianerinnen in den Kaukasus-Krieg verwickelt werden konnten.

Besuch in Transkaukasien

Für Brasilien könnten sie international nicht mehr antreten, dort sei die Konkurrenz im Beachvolleyball zu groß, berichtet Andrezza Chagas, „da hat uns Georgien gefragt“. Vor drei Jahren haben die beiden erstmals das Land in Transkaukasien besucht, um ihre zweite Nationalität zu beantragen. Seit zwei Jahren spielen sie nun für Georgien. Auch einen georgischen Künstlernamen haben sie sich zugelegt, Santanna nennt sich Saka, Chagas heißt Rtvelo. Beide Namen sind auf der Rückseite ihres Trikots vermerkt. Zusammengesetzt bedeutet Sakartvelo auf Georgisch: Georgien. Doch die eigentliche Einbürgerung der beiden hat erst am Mittwochabend im Chaoyang-Park stattgefunden.

Die brasilianischen Georgierinnen traten im letzten Gruppenspiel gegen Natalia Urjadowa und Alexandra Schirjajewa aus Russland an. „Auf dem Spielfeld ging es um Sport“, sagt Santanna, „aber auf der Tribüne war es etwas ganz Besonderes.“ Eine Handvoll Georgier feuerten die beiden an, auch die meisten chinesischen Zuschauer nahmen für sie Partei. Die Russin Natalia Urjadowa versuchte anschließend die politische Dimension des Spiels herunterzuspielen. „Wir sind nicht gegen Georgien angetreten“, sagte sie. „Stattdessen haben wir gegen unsere brasilianischen Freunde gespielt.“
Doch diese fühlten anders. „Ich repräsentiere Georgien“, sagte Cristine Santanna, erst recht nach jenem 2:1 über Russland. „Das war das Beste hier.“

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