Sport : Beatlemania in Fernost

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Von Martin Hägele

Saitama. Als sich die Delegation südkoreanischer Sportjournalisten im Pressezentrum des Saitama-Stadions von ihren Plätzen erhob, nachdem sie zuvor ihre Laptops und Unterlagen sauber verstaut hatten in Köfferchen und Rucksäcken, um geschlossen Feierabend zu machen, ging ein Klatschen durch den Schreibsaal. Spontaner Beifall aus Japan für die Kollegen aus dem Nachbarland, die zuvor vor den Fernsehschirmen mit ihren Landsleuten gefiebert und gejubelt hatten über deren 2:0-Sieg gegen Polen, den ersten überhaupt bei einer WM.

Dies war die Krönung des Asien-Tags bei diesem Turnier, der mit der 0:2-Niederlage von Debütant China gegen Costa Rica ähnlich deprimierend begonnen hatte, wie das die Fußballfreunde in Fernost ein Leben lang gewohnt waren. Dazwischen hatte sich die „blue army“ und ihr Heer von Anhängern, die alle auch blaue Nationaltrikots trugen, gegen das vermeintliche Schicksal gestemmt. Nach dem japanischen Ausgleich gegen Belgien, erst recht nach Inamotos famosem Tor zum 2:1, schien die blaue Riesenschüssel in die Luft zu fliegen. Welche Explosion war lauter? Vielleicht sollte man bei den nächsten Auftritten der zwei Veranstaltungsländer mitten überm japanischen Meer einen Pegelmesser installieren, um exakt festzustellen, von welcher Seite mehr Dezibel anfliegen.

Auch wenn diese Begeisterung eine neue und ganz andere Form angenommen hat als in den traditionellen Fußball-Ländern. Mit der Beatlemania der Sechzigerjahre hat Andy Roxburgh jene fast aggressionsfreie Festival-Atmosphäre verglichen, von der nun alle Beobachter fasziniert sind. Der ehemalige schottische Nationalcoach verfolgt als Direktor einer gemeinsamen Task-Force von Fifa und Uefa weltweit die Entwicklung seines Sports. Roxburgh gehört zu den wenigen Beobachtern, die auch vom sportlichen Aufschwung der beiden Gastgeber-Teams nicht überrascht wurden. Nach den „historischen Ereignissen“ von Busan sowie im Stadion der Red Diamonds Urawa (wo Nippons erster Punktgewinn beim zweiten WM-Versuch ähnlich bejubelt wurde) könnte es nun zu jenem Knall kommen, auf den dieser Kontinent schon so lange wartet: die sportliche Anerkennung auf diesem von Europa und Südamerika bestimmten Markt, in den gelegentlich Afrikas Exponenten (Kamerun, Nigeria) kurz hineinschnuppern durften – aber halt noch nie ein asiatischer Vertreter.

Denn obwohl auch die Länder des Orients zur Asiatischen Konföderation gehören, möchten Koreaner und Japaner, aber auch die Chinesen mit den Verbänden aus den Golfstaaten nicht so viel zu tun haben. Aber nun hat man Angst, mit den Prinzen- und Wüstensöhnen über einen Kamm geschert zu werden. Das 0:8 der Saudis gegen die Bundesliga-Kicker könnte auch als Blamage der gemeinsamen asiatischen Angelegenheit betrachtet werden, befürchtete die „Japan Times". Vorbei die Zeiten, in denen die 45 Mitglieder der AFC-Familie beim Fifa-Kongress 1999 unter Protest aus dem Saal marschiert waren, weil von ihrem Erdteil, auf dem mehr als die Hälfte der Menschen wohnen, neben den zwei Gastgebern nur noch zwei weitere Teams zur WM zugelassen sein sollten.

Wie lassen sich nach solchen schwachen Vorstellungen Ansprüche stellen für die WM in Deutschland oder wenn das Turnier 2010 womöglich nach Afrika reist? Mit dieser Furcht haben die Asiaten aber nicht erst seit der Pleite Saudi-Arabiens und der äußerst dürftigen Premiere Chinas gelebt. Die Angst, das Gesicht zu verlieren, hat sich in Asien über Jahrzehnte hinweg potenziert. Deshalb werden dort Männer gebraucht, die sich Verantwortung aufladen lassen. Dies ist der Hauptgrund, weshalb Trainer wie der Holländer Guus Hiddink, der Franzose Philipp Troussier und der serbische Globetrotter Bora Milutinovic ihr Kommando in Fernost angetreten haben. Entweder werden sie wie Könige verehrt oder zum Teufel gejagt. In Asiens Fußball gibt es nur Extreme. Und meistens ist der Fremde schuld.

Andererseits funktioniert Fortschritt im Fußball nur über Annäherung – auch das sind die Erkenntnisse, nachdem alle Nationalteams ihre erste WM-Prüfung hinter sich gebracht haben. Der Saudi Nasser Al-Johar ist zwar zu Asiens Trainer des Jahres gekürt worden, vom großen Fußball aber sind er und sein geschlossener arabischer Zirkel weit weg. Und bei den Chinesen machte sich die politische Rückwärtskehre, die selbst in der Fernsehwerbung die Gesichter ausländischer Sport- und Movie-Stars verbietet, bemerkbar. Zuletzt hatte sich Chinas Fußball wieder in die Isolation zurückgezogen, und entsprechend verschüchtert haben sich die Chinesen gegen Costa Rica verhalten.

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