Sport : Becker und Steeb haben den Kampf um die Macht für sich entschieden

Jörg Allmeroth

Das DTB-Präsidium überstimmt den größten Kritiker der beiden Davis-Cup-VerantwortlichenJörg Allmeroth

Die Davis-Cup-Spitze mit Teamchef Boris Becker und Kapitän Charly Steeb hat im Kampf um absolute Handlungsvollmacht im deutschen Spitzentennis offenbar einen entscheidenden Etappensieg errungen: Nach wochenlangem Kampf hinter den Kulissen des Deutschen Tennisbundes (DTB) und seiner streitlustigen Landesverbände ist der ärgste Kritiker der Becker/Steeb-Fraktion, Sportwart Dirk Hordorff, von seinen eigenen Präsidiumskollegen im Stich gelassen und weitgehend entmachtet worden. Eineinhalb Monate vor dem wegweisenden Relegationsspiel um den Verbleib in der Davis-Cup-Weltgruppe gegen Rumänien (24. bis 26. September in Bukarest) können Boris Becker und Charly Steeb die schwierige Aufgabe mit frisch gestärkter Autorität nach außen wie nach innen angehen.

Am Dienstagmorgen gab Kapitän Steeb bereits termingerecht auch an anderer Krisenfront Entwarnung und sagte gegenüber dem Tagesspiegel, die zurückliegenden Differenzen innerhalb des Davis-Cup-Kaders seien bereinigt: Jeder Spieler habe ihm ausdrücklich versichert, so Steeb, "seinen Beitrag zum gemeinsamen Erfolg leisten zu wollen". Nun sei die Basis da, "damit das Team wieder als Einheit auftritt". Steeb hatte zuletzt auch ein intensives Telefongespräch mit dem notorisch ausscherenden Querkopf Nicolas Kiefer geführt, der bei den peinlichen Auflösungserscheinungen der deutschen World-Team-Cup-Truppe Mitte Mai in Düsseldorf besonders mit Becker und Co. überkreuz geraten war und die Teamführung sogar fortgesetzter Lügen beschuldigt hatte.

Man sei sich mit allen Spielern einig, "dass der Teamgeist wieder gestärkt und gepflegt wird", sagte Steeb, der vor dem Versöhnungsgespräch mit Kiefer schon beim Stuttgarter ATP-Wettbewerb Tommy Haas und David Prinosil auf Friedenskurs gebracht hatte. Oberguru Becker, der dieser Tage zum zweiten Mal Vater wird, war derweil froh, dass endlich "dieser unnötige Ballast" über Bord geworfen sei: "Nach dem Wirbel der vergangenen Wochen ist jetzt auf allen Ebenen die nötige Ruhe eingekehrt, um sich auf die eigentliche Arbeit konzentrieren zu können", meinte der Tennis-Rentner staatsmännisch. Inzwischen wurde auch bekannt, dass die heiße Vorbereitungsphase auf das Abstiegsspiel in Bukarest beim ATP-Sandplatzturnier in Mallorca eingeleitet werden soll: Dort starten unmittelbar nach den US-Open in Haas, Prinosil und Knippschild gleich drei Kandidaten für das Team.

Bei der jüngsten Sitzung der sechsköpfigen DTB-Führung in Assmannshausen hatten nach vorliegenden Informationen alle anwesenden Funktionäre gegen Horndorffs umstrittene direkte Weisungsbefugnis gegenüber Becker und Steeb gestimmt und verfügt, Hordorff solle sich künftig als DTB-Vizepräsident vornehmlich um die internationalen Sportbeziehungen kümmern. Nur Hordorff selbst stimmte gegen das erstaunliche Verdikt, mit dem vorläufig ein Schlussstrich unter die Auseinandersetzungen zwischen dem selbstbewussten sportpolitischen Newcomer aus Bad Homburg und der Becker-Fraktion gezogen wurde.

Schneller als erwartet erfüllte die neue DTB-Führungscrew um den Kölner Präsidenten Karl Weber damit die wesentlichen Forderungen von Becker und Steeb, die sich in aller Öffentlichkeit ausdrücklich, aber lange Zeit erfolglos verbeten hatten, "von Hordorff irgendwie an der kurzen Leine geführt zu werden" (Becker). Der umtriebige Hordorff hatte sich bei seinen öffentlichkeitswirksamen Vorstößen stets auf den Buchstabengehalt der Satzung berufen und gefordert, alle wichtigen Entscheidungen inklusive der Aufstellung der Davis-Cup-Mannschaft müssten über seinen Tisch gehen.

Doch für die Kontakte zu Becker und Steeb ist jetzt kein anderer als Weber selbst zuständig: In einem gestern veröffentlichten Statement erklärt der Professor für Ballspiele an der Kölner Sporthochschule, bis zur endgültigen Bereinigung der Differenzen zwischen der Becker-Gruppe und Hordorff sei er der Ansprechpartner für die Davis-Cup-Verantwortlichen. Zwischen den Zeilen ist die Interpretation für Insider klar: Da sich die zerstrittenen Parteien auch in Zukunft nicht annähern werden, bleibt Weber dauerhaft der engste Verbindungsmann für Becker und Steeb - Hordorff hingegen ist aus dem Rennen.

Im Gegensatz zu Hordorff werde Weber "einen Teufel tun und seinen Davis-Cup-Leuten einen Knüppel zwischen die Beine werfen", sagt ein leitender DTB-Angestellter. Aus der DTB-Spitze verlautete, die meisten Präsidiumsmitglieder hätten sich zuletzt offen gegen den allzu klar erkennbaren Geltungsdrang Hordorffs und seine künstlich erzeugten Debatten gestellt. Außerdem habe die öffentliche Meinung klar gegen Hordorff gesprochen. Ein möglicher Rücktritt von Becker und Steeb hätte in einem Fiasko für das gesamte Präsidium enden können, sagt einer der einflussreichen DTB-Landeschefs, "das hätte die Herrschaften gleich mit in den Abgrund gerissen".
© 1999

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben