Sport : Becker zieht sich überraschend "auf eigenen Wunsch" zurück

Boris Becker ist auf eigenen Wunsch ab sofort nicht mehr Davis-Cup-Teamchef des Deutschen Tennis Bundes (DTB), die Verantwortung für die Mannschaft liegt künftig bei Kapitän Carl-Uwe Steeb. Diese Entscheidung traf das Präsidium des DTB unter seinem neuen Chef Georg von Waldenfels nach Absprache mit Becker und Steeb am Dienstag in München. Becker soll in Zukunft als Berater des DTB-Präsidiums für dessen internationale Repräsentanz im Weltverband ITF und der Spielervereinigung ATP verantwortlich sein. Nach dem Rücktritt als Aktiver im Sommer in Wimbledon hat er das Tennis-Rampenlicht nun ganz verlassen.

"Nach den Erfahrungen der letzten Monate ist das die einzig richtige Entscheidung", sagte Becker: "Es hat sich in diesem Jahr gezeigt, dass mein Name und meine Person ein zu großes Reizthema sind. Ich bin benutzt worden, um Politik zu machen, oder habe als Alibi gedient." Jetzt habe jeder, "egal, ob Funktionär oder Spieler, die Chance, sich uneingeschränkt dem Davis-Cup-Interesse unterzuordnen und das deutsche Tennis zu unterstützen".

Damit ist schon beim Davis-Cup-Auftakt vom 4. bis 6. Februar in Leipzig gegen die Niederlande der Weg frei für ein Comeback des Weltranglistensechsten Nicolas Kiefer, der wegen seiner persönlichen, aber nie näher definierten Querelen mit Becker zuletzt nicht zur Verfügung stand. "Ich werde künftig noch mehr die Privattrainer in die Arbeit mit dem Davis-Cup-Team einbinden, damit jeder Spieler ein absolut perfektes Umfeld vorfindet", meinte Carl-Uwe Steeb, der sich in seiner Arbeit mit DTB-Sportwart Walter Knapper absprechen wird.

Auf seiner Sitzung in München machte das DTB-Präsidium zudem Reimund Schneider mit sofortiger Wirkung zum hauptamtlichen Generalsekretär des Verbandes. Schneider war bislang Geschäftsführer im bayerischen Landesverband, der nach dem Aufstieg des Freiherrn von Waldenfels einen neuen Präsidenten sucht.

Georg von Waldenfels betonte nach Bekanntgabe der Neuerungen wiederholt, dass es sich dabei um "den ausdrücklichen Wunsch von Boris Becker" gehandelt habe: "Er wollte seine Arbeit für das deutsche Tennis fortsetzen und gleichzeitig dafür Sorge tragen, dass das Davis-Cup-Team im nächsten Jahr in Bestbesetzung antritt. Boris Becker hat mir unmittelbar nach meiner Wahl am 23. Dezember dieses Modell vorgeschlagen, das meine Präsidiums-Kollegen und ich für ausgezeichnet halten."

Künftig soll der dreimalige Wimbledonsieger laut von Waldenfels dafür Sorge tragen, dass der DTB international wieder mehr Einfluss gewinnt. "Unser Ziel muss es sein, Tennis in Deutschland wieder stark zu machen und dem DTB als Weltverband die Rolle zu verschaffen, die ihm zusteht", sagte der DTB-Chef: "Für beide Aufgaben ist Becker die Idealbesetzung."

Becker war seit Oktober 1997 als Teamchef im Amt, nachdem sich der DTB unter dem damaligen Präsidenten Dr. Claus Stauder von Kapitän Niki Pilic getrennt hatte. Mit Becker als Teamchef und Steeb als Kapitän gewann die deutsche Mannschaft ihr erstes Spiel im April 1998 in Bremen gegen Südafrika, verlor aber das Viertelfinale gegen Schweden in Hamburg.

In der ersten Runde 1999 kassierten Nicolas Kiefer, Thomas Haas, David Prinosil und Boris Becker in seinem letzten Einsatz als Spieler in Frankfurt/Main eine Niederlage gegen Russland, die den Gang in die Relegation bedeutete. Mit einem unerwartet deutlichen 4:1-Sieg gegen Rumänien wurde im September in Bukarest ohne Kiefer der Klassenerhalt gesichert.

Kiefer hatte die Mannschaft nach den öffentlich zur Schau getragenen Querelen beim World Team Cup im Mai in Düsseldorf verlassen. Nach dem Streit um seinen Doppeleinsatz gegen Schweden, den er wegen einer angeblichen Erkältung verweigerte, bezichtigte der eigenwillige Niedersachse Becker und Steeb der fortgesetzten Lüge. Eine Annäherung zwischen Becker und Kiefer hatte es seither nicht mehr gegeben, allerdings war Steeb des öfteren mit der deutschen Nummer eins in Kontakt gewesen. Seine endgültige Entscheidung über eine Rückkehr ins Davis-Cup-Team hat Kiefer für Januar angekündigt.

Als Nachfolger des führungsschwachen Karl Weber bewies der neue Chef beim DTB also schnell und konsequent lange vermisste Entschlussfreudigkeit im drittgrößten deutschen Sportfachverband (2,1 Millionen Mitglieder). Dies entspricht jedoch dem Selbstverständnis des früheren bayerischen Finanzministers und heutigen Managers der Viag AG: "Man darf nicht so viel über Dinge reden. Man muss sie tun", begründete Waldenfels recht lapidar die sensationelle Entwicklung der vergangenen Tage, die jetzt in der Entscheidung gipfelte, dass es im Davis Cup ohne Becker weiter gehen wird.

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