Sport : Bedingungslose Kapitulation

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Stefan Hermanns über sprachliche Entgleisungen im Sport

Ivica Kostelic, einer der besten Skifahrer Kroatiens, hat offensichtlich ein Faible für eine deftige Sprache – um es mal sehr, sehr vorsichtig auszudrücken. Die Anleihen aus dem militärischen Komplex sind im Sport in der Tat nicht ungewöhnlich. Gerd Müller war früher der Bomber der Nation, und Anfang der Siebzigerjahre, gerade 25 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hat an diesem Beinamen niemand ernsten Anstoß genommen, am wenigsten Gerd Müller. Sven Hannawald, Deutschlands bester Skispringer, faselt selbst heute noch am liebsten von Granaten, Bomben und Raketen, und zeigt damit, dass er zu Höhenflügen nur dann in der Lage ist, wenn er zuvor eine Anlaufspur hinuntergerutscht ist.

Auch Ivica Kostelic scheint besser um Slalomstangen kurven zu können als um die Fallgruben der Geschichte. Der 23Jährige hat im Januar vor dem Weltcup-Slalom in Kranjska Gora zu kroatischen Journalisten gesagt, er sei bereit „wie ein deutscher Soldat am 22. Juni 1941“. An diesem 22. Juni 1941 sind die hoch motivierten deutschen Soldaten in die Sowjetunion eingefallen. Es war der Beginn des Vernichtungskrieges im Osten, die strategische Voraussetzung für die systematische Ausrottung der Juden in Europa. Im Zusammenhang mit einem sportlichen Wettbewerb können einem wahrlich bessere Vergleiche einfallen.

Es sei denn, man betrachtete den verbrecherischen Überfall auf die Sowjetunion als Heldentat. Kostelic wird eine Affinität zu braunem Gedankengut nachgesagt, als „gesundes System“ soll er den Nationalsozialismus einmal bezeichnet haben. Das wiederum hat er nun dementiert. Er sei kein Nazi und auch nie einer gewesen. Um es mal im militärischen Jargon auszudrücken: Kostelic hat bedingungslos kapituliert – unter anderem auf Druck seiner Sponsoren.

Aber wie aufrichtig ist das Dementi unter dieser Voraussetzung überhaupt? Kostelic sagt, der Satz über den Russlandfeldzug sei nicht in einem offiziellen Interview gefallen, sondern in einem informellen Gespräch. Als ob das die Sache irgendwie besser machte. Auch sonst verteidigt sich der 23-Jährige genau so, wie sich alle verteidigen, die Sachen gesagt haben, die sie besser nicht gesagt hätten: Seine Aussagen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. So hat sich schon Gerhard Mayer-Vorfelder, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, herauszureden versucht, als er den Verlust der deutschen Kolonien beklagte. Es fragt sich allerdings, in welchem Zusammenhang der Nationalsozialismus ein gesundes System sein könnte.

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