Beginn der Spiele in Rio : Die Paralympics sind mehr als Mitleid und Bewunderung

Die Wahrnehmung der Paralympics sollte inzwischen eine bestimmte Stufe erreicht haben. Es geht um Realismus und Respekt. Ein Kommentar.

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Bereit für die Spiele. Ein Athlet testet schon einmal den paralympischen Pool.
Bereit für die Spiele. Ein Athlet testet schon einmal den paralympischen Pool.Foto: dpa

Am Beckenrand steht eine Prothese. Sie wird nicht mehr gebraucht. Der Körper gleitet schnell durchs Wasser. Als Erster anschlagen, Prothese wieder anziehen und damit zur Siegerehrung laufen – solche Bilder wird es nun wieder geben, bei den Paralympics in Rio de Janeiro. Aus Schicksal Gold machen. Das ist die Botschaft der Paralympics. Die vordergründige.

Denn sind wir nicht schon viel weiter? Die Wahrnehmung der Paralympics sollte doch ein paar Stufen hochgeklettert sein. Am Anfang war der Mangel. Paralympische Athleten sind die, denen etwas fehlt. Arme, Beine, Sehvermögen, Bewegungsfähigkeit. Das vorherrschende Gefühl war Mitleid. Sie haben es so schwer mit ihrem Schicksal! Dann kam Stufe zwei, die naive Bewunderung. Toll, was die alles können! Auch das konnte nur ein Zwischenschritt sein. Stufe drei ist nun geprägt von Respekt und Realismus gleichermaßen. Die Behinderung steht nicht mehr zum Bestaunen oder Begaffen im Zentrum. Sie gehört zur Biografie, aber jetzt ist es Zeit für Sport.
Dass jeder Mensch die Chance bekommen sollte, sein Bestes zeigen zu können und sich mit anderen zu messen – auch dafür stehen die Paralympics. Sport mit Aussage. Als Symbol für gesellschaftliche Teilhabe, ja, Inklusion. Was das genau bedeutet und welcher Weg dabei der richtige ist, darüber gibt es auf Stufe drei durchaus unterschiedliche Perspektiven.

Zwei Athleten in der deutschen Mannschaft verkörpern zwei Richtungen. Markus Rehm ist mit Prothese Deutscher Meister im Weitsprung bei den Nicht-Behinderten geworden. Er will sich mit den Besten des Welt vergleichen, das treibt ihn an. Er hätte das gerne auch bei den Olympischen Spielen getan. Auf der anderen Seite steht Heinrich Popow. Er springt mit seiner Prothese eineinhalb Meter kürzer als Rehm, seine Prothese umfasst allerdings nicht nur den Unterschenkel, sondern auch das Knie. „Es gibt keine Inklusion im Leistungssport“, sagt Popow. Sport lebt vom Vergleich. Aber muss es der absolute Vergleich wie bei Rehm sein oder reicht ein relativer wie bei Popow?

Zu Land, zu Wasser und in der Luft
Mit seiner persönlichen Bestleistung von 8,40 Meter wäre Markus Rehm vor knapp vier Wochen Olympiasieger im Weitsprung geworden. Der 28-Jährige hatte lange Zeit dafür gekämpft, bei Olympia an den Start gehen zu dürfen, dafür ließ der einseitig unterschenkelamputierte Leichtathlet zuletzt seine Prothese und seinen Bewegungsablauf wissenschaftlich untersuchen. Die Analyse ließ auf keinen eindeutigen Vorteil schließen, kam aber zu dem Ergebnis, Rehms Sprung mit Prothese könne kaum mit dem Bewegungsablauf eines Springers mit zwei gesunden Beinen verglichen werden. Sein Traum von einem Olympia-Start ist damit wohl endgültig geplatzt, insbesondere der Leichtathletik-Weltverband hat kein Interesse an inklusiven Wettkämpfen. Das Gesicht der Paralympics in Deutschland wird Rehm wohl trotzdem bleiben, bei der Eröffnungsfeier wird er die deutsche Fahne tragen. In Rio wird ihm Gold im Weitsprung wie schon 2012 in London nicht zu nehmen sein, im Sprint (100 Meter Einzel und Staffel) könnten zwei Medaillen dazu kommen. Lars SpannagelAlle Bilder anzeigen
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07.09.2016 10:37Mit seiner persönlichen Bestleistung von 8,40 Meter wäre Markus Rehm vor knapp vier Wochen Olympiasieger im Weitsprung geworden....

Die Debatte wird von Haltungen bestimmt, es spielen aber auch Interessen hinein. Als der Internationale Leichtathletik-Verband Athleten mit Prothesen auferlegte, selbst beweisen zu müssen, dass sie keinen Vorteil hätten, war das gleichbedeutend mit ihrem Ausschluss. Es wird keinen Sprinter oder Springer mit einer Prothese bei Olympia mehr geben. Das Internationale Paralympische Komitee und sein Ausrüster finden das gar nicht tragisch. Sie fürchten um den Wert der Paralympics, wenn Athleten die nur als Durchlaufstation ansehen.

Die Paralympics sind keine bessere Welt, aber eine mit besonderen Aussagen

Hier geht es auf einmal nicht mehr nur um Menschen, sondern auch um Marken und Märkte. Die Paralympics sind ohnehin keine bessere Welt, auch im Behindertensport wird gedopt und sonst wie betrogen. Das ist nur allzu menschlich. Aber es gelingt ihnen dafür, immer wieder Zeichen zu setzen. Im Gegensatz zu Olympia ist jetzt die gesamte russische Mannschaft ausgeschlossen, Russland hätte die Regeln des Sports mit seinem Staatsdoping zu sehr verletzt.

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Vor den Paralympics: (Noch) kein brasilianisches Feuer
Vor den Paralympics: (Noch) kein brasilianisches Feuer

Die Paralympics pflegen eben innerhalb des Sports ihre eigene Identität. Während Olympia eher als Gigantismus wahrgenommen wird, können die Paralympics Motor für Barrierefreiheit sein. Olympia hätte Brasilien vielleicht nicht unbedingt gebraucht, aber die Paralympics können dort eine Menge bewirken.

Es gibt Wettbewerbe, bei denen es auf besondere Eigenschaften ankommt, etwa wenn ein blinder Athlet mit einem Guide startet. Aufeinander angewiesen zu sein, Hilfe anzunehmen, diese Einstellungen werden gefördert und gefeiert. Und so sehr es wie im olympischen Sport zuerst um Talent und Training gehen mag, so haben sich paralympische Athleten noch einmal gegen besondere Widerstände durchgesetzt und besondere Erfahrungen gesammelt. Das macht ihre Geschichten so relevant und die Paralympics mit ihrer Strahlkraft so wertvoll. Einen Wettkampf, der auch nur Sport ist und doch nicht wie jeder andere.

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