• Bei der Außerordentlichen Vollversammlung soll Henry Kissinger das IOC auf Reformen einschwören

Sport : Bei der Außerordentlichen Vollversammlung soll Henry Kissinger das IOC auf Reformen einschwören

Günter Deister

Öffentlich gibt sich der Präsident optimitisch, doch die Lage ist ernstGünter Deister

Die Außerordentliche Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wird am Sonnabend in Lausanne ganz außerordentlich beginnen. In der kritischsten Situation seiner 19-jährigen Amtszeit hat Juan Antonio Samaranch den Politik-Altstar Henry Kissinger gebeten, das aus 102 Mitgliedern bestehende Gremium zu Beginn der zweitägigen Sitzung auf die Notwendigkeit von durchgreifenden Reformen hinzuweisen. Mit dem ehemaligen US-Außenminister als Nothelfer will der spanische IOC-Präsident sicher stellen, dass die wichtigsten von 50 Vorschlägen die Hürde der Zweidrittel-Mehrheit passieren und er am 15. Dezember vor einen Ausschuss des US-Kongresses mit der Botschaft treten kann: Das IOC hat sich ein Jahr nach dem Korruptions-Skandal um Salt Lake City grundsätzlich reformiert.

Dass Samaranch die Situation vor den Abstimmungen am Samstag und Sonntag durchaus als sehr ernst einschätzt, darauf deutet auch eine Briefaktion an alle IOC-Mitglieder hin. Öffentlich sagt Samaranch: "Ich bin sehr optimistisch. Doch sicher kann man nicht sein." In den Briefen appellierte der Spanier an seine Kollegen, die Eigeninteressen zurück zu stellen. "Die ganze Welt schaut auf uns. Obwohl wir Herr über unsere eigene Organisation sind, können wir die weltweite Einschätzung nicht außer Acht lassen", heißt es in den Schreiben.

Gleichzeitgig wies Samaranch in einem Interview darauf hin, dass er bei der Außerordentlichen Vollversammlung im März zurückgetreten wäre, falls die von ihm gestellte Vertrauensfrage mehr als 20 Gegenstimmen gebracht hätte. Damals lautete das Stimmverhältnis 86:2 für Samaranch. Diese Präsidenten-Aussage wird in der IOC-Spitze drei Tage vor der Session eindeutig interpretiert. Sollten wesentliche Reformvorhaben von der Vollversammlung abgeschmettert werden, würde der Präsident zwei Jahre vor dem Auslaufen seiner Amtszeit zurücktreten.

Mit Kissinger als Redner zur Eröffnung der Diskussion hat Samaranch nun sein letztes Ass gezogen. Der 76-jährige Friedensnobelpreisträger war neben dem ehemaligen UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali aus Ägypten der Anführer einen Fraktion von 38 unabhängigen Persönlichkeiten, die zusammen mit 44 IOC-Mitgliedern in einer 82-köpfigen Mammutkommission die Reformvorschläge erarbeitet haben: Transparenz und mehr Demokratie beim Auswahlverfahren von IOC-Mitgliedern, erneuerbare Amtszeit von nur noch acht Jahren, Reduzierung der Altergrenze um zehn auf 70 Jahre, Aufnahme von 15 aktive Athleten.

"Ohne den Einfluss der Externen, namentlich von Henry Kissinger, aber auch von verschiedenen liberalen IOC-Mitgliedern" hätte das Reformpaket in der Kommission nicht "durchgeboxt werden können", sagte Nicholas G. Hayek. Der Schweizer Erfinder und Unternehmer zählt zu den 38 Externen, die Samaranch zu der Vollversammlung mit Rederecht eingeladen hat. Das soll den Druck auf die Olympier noch erhöhen.

Dieser Druck kommt vor allem aus den USA. Die dort ansässigen olympischen Großsponsoren wollen ihr Verhalten ebenso vom Ausmaß der Reformen abhängig machen wie die Politik. Sie droht dem IOC mit dem Entzug von steuerlichen Vergünstigungen. Erst vor vor wenigen Tagen hatte der Berater von US-Präsident Clinton, Mickey Ibarra, die beabsichtigten Reformen als "absolut kritisch" bewertet. Und ein ausführlicher Bericht des "Wall Street Journal" von dieser Woche über die Verwicklungen Samaranchs in die Franco-Diktatur wird in der IOC-Zentrale als weiterer Warnschuss gewertet.

Im IOC ist die Kritik groß, dass sich Samaranch am 15. Dezember vor den Kongress-Ausschuss zitieren lässt. Wahrscheinlich werden manche Olympier auch den Kissinger-Auftritt vor der Vollversammlung, der auch als Beruhigungspille für die USA wirken soll, als unwillkommene Einmischung ablehnen.

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