• Bei Hertha ist man über das Scheitern nicht unglücklich - doch keiner spricht es offen aus

Sport : Bei Hertha ist man über das Scheitern nicht unglücklich - doch keiner spricht es offen aus

Michael Rosentritt

Nach dem Abpfiff ist Dieter Hoeneß einer der Ersten im halbleeren Sparta-Stadion, der klatscht. Hertha BSC hat zwar gerade das Spiel gegen Prag durch ein Tor in der Schlussminute mit 0:1 verloren und damit die letzte halbwegs reale Chance auf ein Weiterkommen in der Champions League verspielt, doch der Manager will ein guter Verlierer sein. Ein dankbarer. "Wir sind zwar alle ein bisschen traurig, denn hier war mehr drin gewesen", sagt Hoeneß, aber die Betonung liegt auf "ein bisschen".

Auch noch nach Mitternacht wiederholt der Manager von Hertha BSC diese beiden Sätze. Die Presse ist entsprechend informiert, jetzt will Hoeneß noch dem mitgereisten Förderkreis ein paar passende Worte mit auf dem Heimweg geben. Beim obligatorischen Champions-League-Bankett steht Hoeneß der Sinn nach Versöhnung. Für den Rückflug hat der Verein ein größeres Flugzeug gechartert, daher "lade ich sie alle herzlich ein, die Busse stehen zu lassen und mit uns nach Hause zu fliegen".

Keiner spricht davon, dass Herthas Traum vom Viertelfinale binnen einer Woche gegen den vermutlich schwächsten Gruppengegner geplatzt ist. "Uns haben vielleicht sieben Minuten gefehlt", sagt Hoeneß, "fünf in Berlin, wo wir kurz vor Schluss das 1:1 kassieren, und hier zwei Minuten." In Wirklichkeit hat mehr gefehlt als nur Zeit. Das sagt der Manager zwar nicht, aber alle haben es gesehen. Hertha ist in Prag mit einer auf sieben Positionen durchrotierten Mannschaft aufgelaufen. Eine Verlegenheitself. Die Stammspieler Preetz und van Burik saßen auf der Bank, Wosz, Sverrisson und Deisler waren gleich zu Hause geblieben. Hatte Hertha die Champions League schon vor Prag abgeschrieben? Hoeneß windet sich. "Es lag weniger an der Aufstellung - wir haben unsere Chancen nicht genutzt."

Auch Trainer Jürgen Röber findet, dass sich "die Mannschaft hier gut verkauft hat. Ich hatte den Eindruck, dass wir das Spiel gewinnen können". Das ist hübsch und zugleich verräterisch formuliert. Preetz, Herthas erfolgreichster und gefährlichster Stürmer, durfte ganze 15 Minuten mitkicken, die Nachspielzeit mitgezählt. Warum durfte er nicht früher auf den Platz, warum nicht von Anfang an? Röber weiß genau, dass Außenstehende über die Schwere der Preetzschen Verletzung nur spekulieren können, dasselbe gilt für die anderen, die zur Erholung auf die Bank rotieren durften. Auch Veit musste rotieren, zu seinem großen Ärger. Nach dem Spiel kritisierte er den Trainer ("Wochenlang hat der Röber mich und andere nicht beachtet, und jetzt treffen wir plötzlich. Es ist nicht immer leicht, diese Sachen zu vergessen. Ich finde, er muss sich mehr Zeit für jeden einzelnen nehmen"), was ihm gestern eine Geldstrafe einbrachte. Veit entschuldigte sich allerdings zugleich für seine "missverständlichen Äußerungen".

Irgendwann ist Röber in Prag vielleicht klar geworden, dass das mit der Champions League vielleicht doch noch ein Weilchen weitergehen könnte. Porto lag gegen Barcelona 0:2 zurück, Sparta wurde immer schwächer. Bei einem Sieg wäre Hertha wieder gut im Geschäft gewesen. Deswegen die Einwechslung von Preetz, mit welcher der Trainer "ein Signal setzen wollte". Das erste, schwerer wiegende Signal an seine Mannschaft aber hatte der Trainer mit der Aufstellung seiner Verlegenheitsmannschaft, das am Ende entscheidende der Prager Milan Fukal gesetzt. Sein für Herthas Torhüter Fiedler unerreichbarer Gewaltschuss in der Nachspielzeit beendete alle Gedankenspiele.

"Kann ich was dafür, dass der Fukal das Ding kurz vor Schluss reinmacht?", fragt Röber später. Er verteidigt die große personelle Rotation. "Ich brauche frische Spieler. Und solche Spiele sind wichtig für die Spieler, die hinten dran sind." Der Verein, dem im Herbst noch vorgeworfen wurde, in der Champions League zu glänzen und dabei die Bundesliga zu vernachlässigen, spielt nach der Winterpause mit umgekehrten Vorzeichen. Am Sonnabend, beim Vorletzten Duisburg, wird wohl wieder die prominentere Elf spielen. Fast schon erleichtert sagt Röber: "Wer weiß, wofür das gut ist."

Der Förderkreis kriegt andere Dinge zu hören. Hoeneß sagt, dass "wir uns jetzt in einer Phase befinden, wo wir uns ein bisschen befreien müssen". Kollektives Nicken der Herrschaften. Und in einer solchen Phase, die nicht weiter beschrieben wird, störe die Champions League nur. Das hat so zwar niemand offen gesagt, aber alle wissen es. Die Bundesliga besitze Priorität. Denn in der Liga geht es in den verbleibenden "elf Endspielen" (Hoeneß) darum, das Erreichen eines erneuten internationalen Startplatzes zu erspielen. Offiziell heißt das Saisonziel Platz sechs, doch insgeheim hofft Hertha mit einer erneuten Teilnahme an der Champions League. Da wird das große Geld, da werden viele Millionen verdient.

"Ich bin zwar einer, der immer gewinnen will", sagt Hoeneß, "aber ich bin auch Realist. Niemand von uns hat gesagt, dass wir nach dem Champions-League-Titel greifen." Dafür, bitteschön, müsse jeder den Blick haben. "Wir dürfen nicht auf die Bayern oder Barcelona schauen." So weit sei man noch nicht. Eher schon "wie Florenz oder Marseille". Aber was ist eigentlich mit Sparta Prag?

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