Sport : „Bei Olympia geben alle ihr letztes Hemd“

Matthias Witthaus über Olympia und die Chancen des deutschen Hockey-Teams in London.

Vorfreude. Rekordnationalspieler Matthias Witthaus, 29, will bei seinen vierten Olympischen Spielen noch mal voll angreifen. Foto: dpa
Vorfreude. Rekordnationalspieler Matthias Witthaus, 29, will bei seinen vierten Olympischen Spielen noch mal voll angreifen. Foto:...Foto: picture alliance / dpa

Bei den kommenden Olympischen Spielen in London werden nur drei deutsche Team-Mannschaften dabei sein, die deutschen Hockey-Mannschaften der Frauen und Männer und das Volleyball-Team der Herren. Wir sprachen mit dem Hockey-Rekordnationalspieler Matthias Witthaus über die Bedeutung des Turniers für den Hockeysport.

Beim olympischen Vorbereitungsturnier in Düsseldorf treten Sie ab dem heutigen Donnerstag auch gegen den Olympia-Zweiten Spanien an. Sie haben früher dort gespielt. Schauen Sie deshalb bei den Spielen der spanischen Fußballer genau hin?

Doch, schon. Ich schau' mir jedenfalls so viele EM-Spiele wie möglich an.

Gibt es noch Verbindungen nach Spanien?

Ich habe anderthalb Jahre in Spanien gelebt und hatte insgesamt auch eine super Zeit dort. Zu einigen Mitspielern, die Freunde geblieben sind, habe ich immer noch Kontakt. Es gibt also noch Verbindungen – aber es ist nicht so, dass ich einmal im Monat nach Spanien fliegen müsste.

Wie hat sich der Hockeysport in Ihren Augen entwickelt? Im deutschen Team – und international.

Es hat sich sehr vieles verändert, vor allem technisch-taktisch. Ich kann mich zum Beispiel nicht daran erinnern, dass die Mannschaften bei den letzten Olympischen Spielen so defensiv hintendrin standen, wie sie es jetzt gegen uns tun. Wenn wir zuletzt gegen Indien, Pakistan oder England gespielt haben – die Mannschaften spielen teilweise gar nicht mehr richtig mit.

Gibt es Ausnahmen?

Ja, Australien. Die sind so stark, dass sie vorne absolutes Pressing spielen. Ansonsten merke ich als Stürmer, dass die Räume sehr eng geworden sind, man weniger an den Ball kommt. Aber diese Entwicklung ist allgemein in den Ballsportarten zu erkennen, auch im Fußball. Wenn man Chelsea gegen Bayern im Champions-League-Finale sieht – da wird die Defensiv-Mannschaft für ihr destruktives Spiel auch noch belohnt. Auch vorher schon gegen Barcelona. Da geht es nur ums Ergebnis – und nicht mehr um den ästhetischen Gesichtspunkt.

Das liegt Ihnen am Herzen.

Ich bin einfach einer, der gerne gute Spiele sieht und auch selber daran teilnimmt. Ich finde die Entwicklung nicht gerade berauschend.

Sind die Australier mit ihrer aggressiven Spielweise bei Olympia wieder mal der härteste Konkurrent auf dem Weg zur Titelverteidigung?

So einfach ist das nicht. Die anderen Teams geben bei Olympia wirklich ihr letztes Hemd, um weiterzukommen. Es ist keinesfalls unrealistisch, dass eine Mannschaft wie Belgien plötzlich im Halbfinale steht. Australien hat im Moment wahrscheinlich die beste Mannschaft der Welt. Aber wir haben sie in der Vorbereitung zwei Mal geschlagen und gezeigt, dass wir mit ihnen mithalten können.

Sie sind neuerdings Rekordnationalspieler. Macht Sie das stolz?

Am 3. Juni 1999 habe ich mein erstes Länderspiel gemacht. Ich hatte das Glück, dass ich von richtig schweren Verletzungen verschont geblieben bin, bei rund 30 Länderspielen pro Jahr ergibt sich diese hohe Zahl automatisch. Jetzt bin ich wirklich froh, Rekordnationalspieler zu sein. Nicht, weil mir das so viel bedeutet, sondern weil jetzt keiner mehr nachzählen muss. Die Marke ist erreicht – und ich kann mich in Ruhe auf Olympia konzentrieren.

Und danach ist Schluss im Nationalteam?

Ja, das habe ich definitiv entschieden.

Was waren die ausschlaggebenden Gründe?

Es gibt sehr viele Gründe. Aber der Hauptgrund ist, dass ich Anfang des Jahres mit dem Studium fertig geworden bin und jetzt ins Berufsleben einsteigen möchte. Aber was heißt da Hauptgrund? Der Hauptgrund ist, dass es mir jetzt einfach mal reicht, nach 13 Jahren. Körperlich natürlich auch, aber hauptsächlich mental. 13 Jahre sind eine so lange, so intensive Zeit. Da reist man durch die Welt und checkt in Hotels ein – und irgendwann möchte man auch mal ein normales Leben führen. Magdalena Neuner zum Beispiel kann ich total gut verstehen…

… weil?

Also ich habe vor zwei Wochen geheiratet. Jetzt möchte ich mit meiner Frau einfach mal ein Wochenende genießen und im Sommer in Urlaub fahren – länger als eine Woche. Das sind Sachen, auf die freue ich mich ungemein.

Das Interview führte Andreas Morbach

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