Sport : „Bei uns freut sich keiner über das Urteil“ Dieselbe Liga?

Stefan Kuntz über den Punktabzug für TuS Koblenz, von dem der 1. FC Kaiserslautern profitieren könnte Hannover und Hertha haben perspektivisch ähnliche Ziele – im Moment sind die 96er einen Tick voraus

Stefan Hermanns

Herr Kuntz, TuS Koblenz ist einer Ihrer ehemaligen Arbeitgeber. Jetzt sollen dem Klub wegen eines Verstoßes gegen die Lizenzauflagen acht Punkte abgezogen werden. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Ich bin dort schon eine ganze Weile nicht mehr als Sportmanager tätig und war danach lange beim VfL Bochum. In Koblenz sind höchstens noch ein bis zwei Leute von damals beschäftigt. Bei mir ist keine Bindung mehr da.

Nun sind Sie ausgerechnet Vorstandschef beim 1. FC Kaiserslautern, der im Abstiegskampf vom Punktabzug der Koblenzer profitieren könnte.

Für uns hat sich die sportliche Situation nicht verändert. Deshalb haben wir die Aufgabe, auf uns zu schauen. Zudem hat Koblenz nicht zu Unrecht eine gute Position in der Tabelle erreicht, die Mannschaft ist sehr stabil.

Waren Sie vom Ausmaß der Strafe überrascht?

Ja etwas schon. Ich hab davon aus einer Pressemitteilung der Deutschen Fußball-Liga erfahren.

Die TuS hat in dieser Saison schwere Zeiten durchgemacht, kennen Sie als ehemaliger Koblenzer nähere Umstände?

Es geht um eine Bestrafung, die diese Saison betrifft, in der anscheinend nicht gemäß den Lizenzstatuten gearbeitet wurde. Ich habe sonst volles Vertrauen in die Gerichtsbarkeit der DFL, die sicher die Schwere des Falles ins Urteil einfließen ließ.

Im Rahmen der Untersuchungen in Koblenz wurde einmal auch Ihr Name genannt, als es um angebliche Schwarzgeldzahlungen an Sie und Milan Sasic, den jetzigen FCK-Coach und ehemaligen Koblenzer Trainer, ging.

Das ist hinreichend entkräftet. Wir haben dort zusammen gearbeitet und den Verein in die Zweite Liga geführt, das war’s.

Mit dem aktuellen Fall hatte Ihre Amtszeit nichts zu tun?

Nein, ich war dort bis 2005 und hatte zudem keine Prokura oder ähnliche Kompetenzen. Ich kann zu dem, was dort in dieser Saison passiert ist, keine Stellung nehmen.

Der Punktabzug macht Koblenz zu einem Abstiegskandidaten. Ist das neue Motivation für Kaiserslautern?

Wir brauchen keine neue Motivation. Wir wollen den Klassenerhalt auf sportlichem Wege schaffen, alles andere würde uns nicht gefallen. Dass der FCK irgendetwas mit dem Urteil zu tun hat, entbehrt jeder Grundlage. Es ist auch nicht so, dass sich hier im Verein einer freut. Ich jedenfalls fühle nicht so.

Das Gespräch führte Oliver Trust.

Berlin - Bei Hannover 96 werden sie in jüngster Zeit gerne grundsätzlich. Das war schon im Winter so, als der Fußball- Bundesligist Valerien Ismael vom FC Bayern München verpflichtet hat. Ein Transfer solcher Größenordnung gilt den 96ern als Indiz für ein neues Selbstverständnis des Klubs. Das ist jetzt nicht anders gewesen, als Hannover die Verpflichtung Jan Schlaudraffs für die kommende Saison vermeldete. Der Stürmer, vor einem Jahr noch Objekt nahezu aller Großklubs der Liga, kommt ebenfalls von den Bayern und ist immerhin latenter deutscher Nationalspieler. „Das ist für Hannover eine einmalige Geschichte und zeigt, dass unsere Wahrnehmung immer besser wird“, sagt Trainer Dieter Hecking.

Interesse an Schlaudraff wurde auch Borussia Dortmund, dem VfB Stuttgart und Hertha BSC nachgesagt. Bei den Berlinern hat es dieses Interesse in der Tat gegeben – allerdings nicht für die neue Saison, sondern schon im Winter, als Hertha über eine Ausleihe nachgedacht hat. Wie auch immer: Für die 96er ist es eine ganz neue Erfahrung, dass sie sich mit Vereinen messen können, die vor wenigen Jahren noch in einer ganz anderen Liga spielten. „Mittlerweile können wir uns mit Hertha in die Augen schauen“, sagt Christian Hochstätter, Hannovers Sportdirektor, „zumindest sportlich“.

Vor dem heutigen Duell beider Mannschaften liegt Hannover zumindest genau da, wo Hertha eigentlich in dieser Saison hin wollte: auf Rang neun, einem einstelligen Tabellenplatz. Eine Momentaufnahme? „Ich vergleiche uns nicht mit Hannover, das finde ich unwichtig“, sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß. „Hannover ist nicht unser Maßstab. Unser Maßstab sind wir selbst.“ Vor einigen Jahren fiel der Vergleich noch deutlich zu Herthas Gunsten aus. Als Hannover in der Saison 2004/05 zeitweise in den Uefa-Cup- Rängen und vor den Berlinern zu finden war, löste das bei Herthas damaligen Trainer Falko Götz keine allzu große Unruhe aus. Er wusste, dass sich das Bild wieder ändern würde: „Wir haben einfach mehr Qualität.“ Am Ende der Saison war Hertha Vierter, Hannover Zwölfter.

Doch in dem Maße, in dem die Berliner an sportlicher Qualität eingebüßt haben, hat Hannover an Substanz gewonnen. Die Verpflichtung des Nationalspielers Mike Hanke im vergangenen Sommer war der erste Beleg für die neuen Ambitionen. Neben Jan Schlaudraff wird für die nächste Saison auch noch der Bremer Patrick Owomoyela als Verpflichtung gehandelt. Als sich Fredi Bobic 2003 für einen Wechsel von Hannover zu Hertha entschloss, ging es ihm nicht nur um eine bessere Bezahlung, sondern auch um die attraktivere sportliche Perspektive; jetzt, fünf Jahre später, hat Bobic der „Bild“-Zeitung gesagt: „Hannover ist in der Entwicklung der Mannschaft weiter. Die sportliche Perspektive ist klar besser in Hannover.“

Kurz- bis mittelfristig wollen beide Klubs nach vorne, das Dasein im Mittelfeld der Liga gilt ihnen allenfalls als notwendige Phase der Konsolidierung. Doch anders als den Berlinern schwebt den Niedersachsen eher behutsames Wachstum vor. „Wir setzen uns realistische Ziele“, sagt Hochstätter. Das wäre auch in der kommenden Saison ein einstelliger Tabellenplatz. Die Vereine, die den Europapokal anstreben, hätten finanziell ganz andere Möglichkeiten. „Nüchtern betrachtet ist es unheimlich schwierig, in diese Phalanx einzubrechen“, sagt Hochstätter. „Das heißt nicht, dass wir es nicht versuchen werden.“

Hertha hat schon jetzt keine Skrupel, wieder ganz andere Ansprüche zu formulieren: In der kommenden Saison will der Klub in den Uefa-Cup, im Jahr darauf dann sogar in die Champions League. „Bei Hertha ist es etwas leichter, solche Ziele auszusprechen“, sagt Hochstätter. „Finanziell hat der Verein ganz andere Möglichkeiten als wir.“ Die Berliner planen die nächste Spielzeit mit einem Etat von 65 Millionen Euro, bei Hannover sind es 45 Millionen. Allein für neue Spieler stehen Hertha neun Millionen Euro zur Verfügung. Auch in dieser Hinsicht kann 96 nicht mithalten. Bisher hat der Klub für den Schweizer Nationalspieler Mario Eggimann, für den deutschen U-21-Nationaltorhüter Florian Fromlowitz und Jan Schlaudraff rund vier Millionen Euro investiert. Sehr viel mehr werden es wohl auch nicht mehr werden.

Die Hannoveraner müssen einfach ein bisschen schneller sein als die Konkurrenz. Gestern war Christian Hochstätter in Berlin, um den vierten Transfer für die nächste Saison perfekt zu machen. Leon Aderemi Balogun, 19 Jahre alter Innenverteidiger vom Berliner Oberligisten Türkiyemspor, wechselt im Sommer zu 96. Vor einem Monat hat Balogun ein Probetraining bei Hertha BSC bestritten.

Stefan Kuntz, 45, ist Vorstandschef beim Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern. Bis April 2006 war er Sportmanager bei TuS Koblenz, danach beim VfL Bochum.

0 Kommentare

Neuester Kommentar