Sport : Beim 1:1 findet das Trauma keine Fortsetzung

Stefan Hermanns

Nur mal angenommen, der DFB würde in Abstimmung mit dem übertragenden Fernsehsender die Begegnung zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach für den 25. Dezember, ein Uhr morgens, terminieren. Vermutlich würden sich die Menschen im Rheinland auch dann direkt nach der Weihnachtsbescherung in ihre Autos setzen, grün-weiße oder rot-weiße Schals umlegen und Richtung Müngersdorf fahren. Gut, ganz so weit ist es noch nicht. Aber für Gladbacher und Kölner Fans ist es schon schlimm genug, dass ihr Spiel der Spiele nur noch ein Zweitligaknüller ist und am Montagabend um 20 Uhr 15 angepfiffen wird. Trotzdem ist die Begegnung wieder Wochen im Voraus ausverkauft gewesen, 20 000 weitere Interessenten mühten sich vergebens, ein Ticket zu bekommen.

Ewald Lienen, früher Spieler bei den Gladbachern und heute Trainer des FC, hat vor der Begegnung gesagt, er glaube nicht, dass seine Spieler aus Nigeria, aus Bulgarien oder aus Dortmund "mit der historischen Brisanz dieser Begegnung vertraut sind". Müssen sie auch nicht. "Solche Spiele machen halt Spaß", sagt Kapitän Dirk Lottner, FC-Fan seit früher Kindheit und deshalb mit der Historie bestens vertraut. Köln gegen Gladbach - rheinisches Derby nennen die Medien dieses Duell, obwohl für die Kölner das Rheinland kurz vor Leverkusener Stadtgebiet endet und Mönchengladbach dort droben, an der Grenze zu Holland, ganz bestimmt nicht mehr dazugehört. Die Kölner amüsieren sich sowieso ganz gerne über die Leute aus der Provinz, die am Wochenende in die große Stadt kommen, um mal was zu erleben. Den Gladbachern ist es egal, was die Kölner über sie denken. Hauptsache, sie gewinnen gegen den FC. Und das ist meistens so.

Deswegen fahren sie so gerne nach Müngersdorf. Ob es das Spiel nächstes Jahr wieder geben werde, wurde Marcel Ketelaer nach dem 1:1 am Montag gefragt. "Ich hoffe", antwortete Ketelaer. Aller Voraussicht nach hieße dies, dass die Begegnung nach zweijähriger Unterbrechung wieder in der Bundesliga und damit schlimmstenfalls sonntags um halb sechs stattfände, denn: "Köln ist durch", sagte Gladbachs Verteidiger Michael Frontzeck. "Wir müssen noch einiges tun." 13 Punkte beträgt nun der Vorsprung des FC auf den ersten Nichtaufstiegsplatz, auf dem zurzeit die seit 13 Spielen unbesiegten Gladbacher liegen.

42 500 Zuschauer im erstmals seit dem Kölner Abstieg ausverkauften Müngersdorfer Stadion hatten zuvor ein furioses Zweitligaspiel voller Tempo und Leidenschaft gesehen. "Beide Mannschaften waren heiß", sagte Lottner. 81 Minuten waren gespielt, als Marcel Ketelaer seine Mannschaft in Führung schoss und damit das ewige Kölner Gladbach-Trauma wiederzubeleben schien. Gegen keinen anderen Verein hat der FC häufiger verloren als gegen die Borussen, und gegen keinen anderen Verein gewinnen die Borussen lieber als gegen den FC.

Vielleicht hätten die Gladbacher den Vorsprung über die Zeit gerettet, wenn nach Markus Hauseiler (78.) nicht auch Igor Demo (89.) berechtigterweise die Gelb-Rote Karte gesehen hätte. In der Schlussminute gelang Dirk Lottner mit einem fulminanten Weitschuss dann doch noch der Ausgleichstreffer, den Gladbachs Trainer Hans Meyer als "bitter, wenngleich hochverdient" empfand. "Ein gerechtes Unentschieden", sagte Gladbachs Torhüter Uwe Kamps.

In der ersten Halbzeit seien die Gladbacher dem relativ nahe gekommen, "was ich gern spielen möchte", sagte Borussen-Trainer Meyer. Auf Grund der zweiten Halbzeit hätten sie verlieren müssen. Ewald Lienen erlebte sein Team "ganz, ganz stark". Nur Hans Meyer verblüffte mit einer eigenwilligen Interpretation des Spielgeschehens: "In der ersten Halbzeit war Köln beschissen, in der zweiten waren wir mies." Natürlich war das wieder ironisch gemeint.

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