Sport : Beim Barte des Verteidigers

Christoph Metzelder trägt es im Gesicht: Die Zuversicht, Weltmeister zu werden, wächst

Michael Rosentritt

Berlin - Torsten Frings ist eigentlich ein fürsorglicher Mensch trotz seiner undurchsichtigen Rolle bei der Rangelei nach dem Argentinien-Spiel. Auf dem Fußballplatz versucht der defensive Mittelfeldspieler, der Abwehr Arbeit abzunehmen, und auch sonst sorgt sich der Nationalspieler um das Wohl und Wehe seiner Hinterleute. „Der Metze sieht ja bald aus wie Reinhold Messner“, hat Frings neulich gesagt. Und es klang so, als müsse man sich langsam Sorgen machen. Leider ging Torsten Frings, der langhaarigste aller deutschen Nationalspieler, nicht näher darauf ein, dass er selbst akut Gefahr läuft, einem anderen haarigen Wesen, immer ähnlicher zu sehen – dem WM-Maskottchen Goleo. Sei es drum.

Hinter „Metze“ und dessen kinnlastigem Wildwuchs verbirgt sich der Innenverteidiger Christoph Metzelder. Der 25-Jährige hat sich schon seit Tagen nicht mehr rasiert und bereits angedroht, das bis zum Ausscheiden der deutschen Mannschaft auch nicht tun zu wollen. Der Bart wächst und wächst und tatsächlich wächst langsam eine gewisse Ähnlichkeit zum Extrembergsteiger aus Südtirol. In diesem Fall muss das kein schlechtes Zeichen sein, so kurz vor dem Halbfinale zwischen Deutschland und Italien am Dienstag in Dortmund. Denn der Bart von Metzelder ist so etwas wie das haargewordende Selbstbewusstsein dieser deutschen Mannschaft. Er steht quasi für Zuversicht, Überzeugung, für Titelambitionen. Bundestrainer Jürgen Klinsmann sagt es ja seit Tagen: „Da wächst etwas zusammen.“

Das Wachsen der Mannschaft hat nicht erst bei diesem Turnier begonnen. Tatsächlich wollte die Leitung der Nationalmannschaft Reinhold Messner in das Projekt WM-Titel 2006 einbinden. „Er hat 8000er bezwungen und weiß daher, wie man große Aufgaben bewältigt“, hatte Team-Manager Oliver Bierhoff damals gesagt. Schließlich besuchte nicht das Original die Nationalmannschaft, sondern Stefan Glowacz. Der trägt zwar keinen Rauschebart, steht aber für den gleichen Inhalt. Im Herbst 2005 besuchte der Garmischer Extremkletterer die Nationalmannschaft. In seinem Vortrag („Wie plane ich eine schwierige Expedition“) fokussierte der Kletterer die Schwerpunkte Teamfähigkeit, Motivation und Gipfelerfolg.

Gipfelerfolg – darum geht es jetzt auch. Wie erstürmt man das WM-Finale?

Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte der deutsche Fußball einen fast schon historischen Tiefpunkt erreicht. Bei der 1:4-Niederlage in Florenz gegen Italien wurden alles und alle in Frage gestellt. Bierhoff sprach von einem Chaos, das in jenen Märztagen geherrscht habe. „Ich hatte den Eindruck, dass man Jürgen Klinsmann nach Hause schicken wollte“, sagt er. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass diese bittere Niederlage einen wesentlichen Beitrag zum Wachtumsprozess geleistet hat. „Vielleicht war es für die Spieler ganz gut, ein bisschen Wut zu entwickeln“, sagt Bierhoff.

Joachim Löw, der Bundestrainer-Assistent, bezweifelt, dass das Fiasko von Florenz auf der deutschen Fußballseele lastet. „Wir gehen nicht eine Sekunde darauf ein“, sagt Löw. Die Mannschaft verspüre „keine Rachegelüste“, sondern verfolge in der Präparation einen völlig anderen Ansatz. Löw: „Und der kann nur sein: Wenn wir gewinnen, stehen wir im wichtigsten Spiel überhaupt.“

Christoph Metzelder ist damals in Florenz dabei gewesen und ist in der zweiten Halbzeit genauso vorgeführt worden von den italienischen Stürmern wie Per Mertesacker im ersten Abschnitt. „Wir wissen, dass jetzt eine ganz andere Mannschaft auf dem Platz steht. Und das wissen die Italiener auch“, sagt Metzelder. Die Motivation könne jetzt nicht sein, sich für ein Freundschaftsspiel im März zu rächen, sondern die, ins Finale zu kommen. „Wir wollen diesen nächsten Schritt auch noch gehen.“ Und während der Dortmunder das erzählt, streicht er sich mit der Hand über den Bart. „Das wird von der Atmosphäre her ein Spiel, das es in Deutschland noch nie gegeben hat“, sagt Metzelder: „Wir werden Italien einen ganz großen Kampf bieten.“

Die deutsche Mannschaft zieht ihre momentane Stärke natürlich nicht allein aus dem Bart ihres Innenverteidigers, sondern auch noch aus einer Turnier-Weisheit. Nach dieser ist nicht bedeutsam, welches Team im Vorfeld als Favorit gehandelt wird, sondern welche Mannschaft sich im Laufe eines Turniers zu einem Favoriten entwickelt und damit die besten Chancen hat. Große deutsche Mannschaften haben sich während eines Turniers entwickelt, und jedesmal gab es für diese Mannschaften ein Spiel mit „Scheidewegcharakter“, wie es Metzelder nennt. Diese Mannschaften haben dann den erfolgreichen Weg genommen. „Für uns war Polen so ein Spiel.“

Dieses Schlüsselspiel der Deutschen fand in Dortmund statt, der Bundesligaheimat Metzelders. Dieses Spiel, das in der Nachspielzeit gewonnen wurde, half nicht nur mit, den erfolgreichen Weg zu finden, sondern auch, „dass es nicht nur mein, sondern jetzt unser Stadion geworden ist“, sagt Metzelder.

Mit diesem „besonderen Publikum“ im Rücken werde die deutsche Mannschaft offensiv spielen, „um die Italiener in Verlegenheit zu bringen“, kündigt Löw an. „Die Italiener lieben es, kompakt in der Defensive zu stehen und dann blitzartig Konter zu fahren.“ Das ist nicht neu, schließlich würden die Italiener so seit sechs, ach was, seit 60 Jahren spielen. Bei dieser WM hätten sie bisher spielerisch noch nicht überzeugt, aber selbst wenn sie in Rückstand geraten oder einen Spieler weniger haben, würden sie ihren Stiefel „cool weiterspielen“, sagt Löw. „Sie werden nicht abweichen von ihrer Linie. Sie haben das Bewusstsein, hinten gut zu stehen und jederzeit zuschlagen zu können.“

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