Sport : "Beim FC Bayern München darf man nur ein bißchen ein Egoist sein"

MARTIN HÄGELE

GIOVANE ELBER (26) zählt in dieser Saison zu den besten Stürmern des FC Bayern München.Der Brasilianer war beim VfB Stuttgart Teil des sogenannten "magischen Dreiecks".

TAGESSPIGEL: Bislang waren Sie in Ihrer Heimat vor allem als "Engel von Londrina" ein Begriff, weil Sie sich sozial für Kinder aus den Favelas engagierten.Inzwischen sind Sie auch dort ein Fußball-Star.Ein schönes Gefühl?

ELBER: Es tut gut, denn ich habe immer daran gearbeitet, in der ganzen Fußball-Welt bekannt zu werden.Daß ich nun überall populär bin, bestätigt mich: Es ist in meiner Entwicklung immer nach oben gegangen: in Zürich, in Stuttgart, in München.Die Popularität daheim aber ist die Krönung.Jetzt freuen sich die Leute nicht nur, weil ich viel Gutes für Londrina getan habe.Jetzt schauen sie mich an als diesen Fußballspieler, der als junger Mann fortgegangen ist und sich in Europa einen Namen gemacht hat.Und auf einmal auch zur Nationalmannschaft gehört.Aber viele erwarten jetzt von mir, daß ich in jedem Spiel ein Tor schieße.

TAGESSPIEGEL: In dieser Saison sind Sie ein ganz anderer Elber als im Jahr davor.Woran liegt das?

ELBER: In erster Linie am Selbstvertrauen.Ich habe in der letzten Saison einfach nicht gespürt, daß ich von Trainer Trapatoni richtig akzeptiert war.Ich hatte dadurch schon Probleme, habe aber immer wieder auch gedacht: Giovane, Fußball kannst du nicht verlernen.Jetzt spiele ich wieder so Fußball, wie beim VfB Stuttgart.Unter Trainer Hitzfeld darf ich auch wieder einen Fehler machen.

TAGESSPIEGEL: Das Privileg, als einziger Stürmer im Rotationsprinzip Ottmar Hitzfelds gesetzt zu sein, hilft Ihnen demnach?

ELBER: Außer Olli Kahn darf eigentlich keiner sagen, daß er gesetzt ist.Wir sind nur Topspieler beim FC Bayern, fast alle Nationalspieler.Deshalb muß man hier nur von einem Spiel zum andern denken.Irgendwann kommt schon einmal ein schlechter Lauf.In einem Team wie beim FC Bayern darf man nicht totaler Egoist sein.Ein bißchen Egoismus schon, aber ja nicht zu viel.

TAGESSPIEGEL: Was bedeutet denn ein Partner für Sie?

ELBER: Ich will mich mit den Leuten, mit denen ich zusammenspiele, nicht nur auf dem Platz gut verstehen.Es muß auch privat harmonieren.Durch solche Kontakte gewinnt die ganze Mannschaft.Als Kamerad weißt du auch über deinen Partner Bescheid, wenn der eine schlechte Woche hinter sich hat.Wenn du ihn kaum kennst, denkst du nur: was spielt der für einen Mist zusammen.

TAGESSPIEGEL: Und ein Partner namens Ronaldo? Sind Sie am Ziel, wenn es heißt: Brasiliens Angriff besteht aus Ronaldo und Elber?

ELBER: Für jeden Brasilianer ist es ein Traum, mit Ronaldo zu spielen und auch eine Ehre.Aber noch wichtiger als Ronaldo ist die Selecao.Wir haben ja nicht nur Ronaldo.Wir haben Rivaldo, Denilson, lauter Klasse-Spieler.Oder nehmen wir mal Savio von Real Madrid.Der ist wirklich ein Großer, bislang aber ist er noch nicht zur Nationalmannschaft eingeladen worden.Daraus sieht man, wie schwer es ist, einen Platz in der Selecao zu bekommen.

TAGESSPIEGEL: Reden wir mal von deutschen Partnern? Beim Stuttgarter Hallenturnier erzählte "Löwen"-Präsident Karl-Heinz Wildmoser, daß Fredi Bobic in der nächsten Saison für den FC Bayern stürmen werde.

ELBER: Das wäre super für den FC Bayern und für mich.Es ist doch phantastisch gewesen, wie wir in Stuttgart mit Fredi und Krassimir Balakov zusammengespielt haben.Nicht nur wir hatten da unseren Spaß, auch das Publikum war total begeistert, und wir hatten immer volles Haus.Das "Magische Dreieck" war doch die Attraktion: Es war ganz einfach Fußball-Spaß für alle.

TAGESSPIEGEL: Was fehlt Bayern noch zum absoluten Top-Team in Europa?

ELBER: Nur der Titel Champions-League-Sieger.Im internationalen Geschäft zählen nur die großen Titel.Denken Sie an den VfB Stuttgart: Wir haben super gespielt, überall haben wir Beifall gekriegt, doch am Ende reichte es nur zum DFB-Pokal.Wir haben keine deutsche Meisterschaft gewonnen und auch keine internationale Trophäe.Das ist auch mein persönliches Manko.Ich habe bislang nur Pokalsiege gefeiert: mit Grashoppers und nun zweimal hintereinander in Deutschland.Deshalb will ich jetzt unbedingt die Meisterschaft und die Champions-League gewinnen.

TAGESSPIEGEL: Normal schwärmen Fußball-Stars immer von Italien als der beruflichen Erfüllung?

ELBER: Ich war mit 18, 19 Jahren beim AC Mailand und bin dann gottseidank in die Schweiz ausgeliehen worden.Mir hat schon damals die Seria A nicht gefallen.Da ist viel zu viel Taktik dabei.Nach dem 1:0 kommen zwei Stürmer raus und dafür zwei Verteidiger rein.Nein, das ist nichts für mich.

TAGESSPIEGEL: Als Sie nach Italien kamen, war der AC Milan das Maß aller Dinge im Fußball - und Sie bereuten nicht, dort wegzugehen?

ELBER: Ist es schön, wenn ich einmal meinen Enkelkindern erzähle: Ich war beim berühmtesten und besten Klub der Welt, ich habe jeden Tag mit Ruud Gullit und Frank Rijkaard trainiert, nur bei den Spielen bin ich immer auf der Tribüne gesessen? Nein, das war nichts für mich.Mit 19 Jahren muß man spielen.Nur im Spiel lernt man etwas.Ich habe damals mit Trainer Capello geredet, und er sagte: "Giovane, du kannst vielleicht drei oder vier Spiele pro Saison machen." Ich sagte ihm: "Das ist zu wenig, bitte, bitte leihen Sie mich aus." So bin ich dann bei Grasshoppers Zürich gelandet.

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