Sport : Beistand von Engeln

Matthias B. Krause

Schutzengel werden einen schweren Tag haben am nächsten Sonntag in Miami. Dann tragen die Indianapolis Colts und die Chicago Bears den Super Bowl XLI. aus, das große Saisonfinale der National Football League (NFL). Und auf beiden Seiten stehen Quarterbacks, die eine ganze Armada beistehender Kräfte brauchen. Da wäre zum einen Colts Peyton Manning, seit neun Jahren in der Liga und von Anfang an als einer der Besten auf seiner Position gepriesen. Allerdings mit einem Haken: Bislang war der Mann, der alle denkbaren Statistiken anführt und das Lederei scheinbar mühelos zum eigenen Mann befördert, der reinste Wackelpudding, wenn es in die Play-offs ging.

Er habe „Kann keine wichtigen Spiele gewinnen“ quer über die Stirn geschrieben, lästerte „Sports Illustrated“ über Manning. Immer, wenn es darauf ankam, zitterten ihm die Knie, flatterte der Arm, legte sich die Angst wie ein Gummiring fest um seine Brust. Dieses Stigma schwindet, seit er in diesem Jahr endlich das große Finale erreicht hat und dabei die New England Patriots mit einer großartigen Aufholjagd in die Knie zwang. Doch verschwunden ist es noch nicht. Das kann nur eines bewirken: ein Sieg am Sonntag, ein dicker Meisterschaftsring.

Für Chicagos Dirigent Rex Grossman ist die Ausgangslage eine andere, aber nicht weniger ergiebig für mit Schadenfreude ausgestattete Besserwisser. Grossman spielt seit vier Jahren in der Liga, erkämpfte sich Startplätze und fiel mit Verletzungen zurück. In Chicago in dieser Saison führt er die Offensive erst, seitdem sich Brian Griese als Flop erwies. Nur weiß Chicagos Headcoach Lovie Smith nie, was er bekommt, wenn er Grossman aufs Feld schickt. An einem Tag spielt er wie Supermann, nichts kann ihn erschüttern, seine Pässe sind präzisionsgesteuert. Am nächsten Tag sieht er an derselben Stelle so erbärmlich und überfordert aus, dass die „Chicago Tribune“ voller Mitleid schrieb: „Man könnte sagen, er wirkt wie ein verängstigtes Reh, das in die Scheinwerfer eines heranrasenden Wagens guckt – nur dass das eine Beleidigung für das Reh wäre.“

Die Verteidigung der Bears ist zumindest auf dem Papier besser als die der Colts, das Team für die Spezialaufgaben gilt ebenfalls als überlegen. Allein das würde die Mannschaft aus Chicago wahrscheinlich zum Favoriten werden lassen bei den Buchmachern, wäre da nicht der Grossman-Faktor. Der beinhaltet übrigens auch, dass der Neuling auf der zentralen Position schlechter wird, je länger die Saison dauert. Als die Bears ihre letzte Partie der regulären Spielzeit verloren und Grossman mit einem Rating für seine Pässe von 0 aufwartete (gute Quarterbacks erzielen 100 und mehr), führte er die Jahreszeit als Entschuldigung an. Weil Silvester sei, habe er seinen Kopf nicht frei gehabt - was ihn bei den Fans nicht gerade beliebter machte.

Joe Knapp ist sich trotzdem sicher, wem er am Sonntag die Daumen drückt: „Wie Peyton Manning spielt, ist großartig. Aber ich mag, wie Grossman seinem Geschäft nachgeht. Egal, was passiert, er bleibt immer positiv. Ich glaube, die Engel sind auf seiner Seite.“ Er wird sie brauchen, will er nicht wiederholen, was Knapp durchmachte. Der stand mit den Minnesota Vikings 1970 im Super Bowl, ebenso unbekannt wie Grossman, auch einer, von dem sie sagten, er könne das Spiel für sein Team nicht gewinnen, höchstens verlieren. Knapp spielte gut, doch die Vikings unterlagen, und alle kannten nur einen Sündenbock. „Wenn man die Chance hat, Weltmeister zu werden, und es passiert nicht, erinnert man sich den Rest seines Lebens daran“, sagt Knapp. Das bisschen Ruhm verfliegt, die Schadenfreude der Besserwisser bleibt.

An dieser Stelle erklären die US–Korrespondenten und Sebastian Moll regelmäßig Phänomene aus dem amerikanischen Sport.

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