• Beleidigung als Motivation Der überaus selbstbewusste Kiefer erreicht bei den US-Open das Achtelfinale – auch Haas weiter

Sport : Beleidigung als Motivation Der überaus selbstbewusste Kiefer erreicht bei den US-Open das Achtelfinale – auch Haas weiter

Matthias B. Krause[New York]

Thomas Hogstedt ist ein alter Profi im internationalen Tennis, und so weiß der Trainer, dass die einfachsten Mittel gelegentlich die größte Wirkung entfalten. In diesem Fall war es ein Zeitungsausschnitt, den der Schwede seinem Spieler Nicolas Kiefer mitbrachte. Es ging darin um dessen Erstrunden-Niederlage in Wimbledon gegen Thomas Johansson. Ein dramatisches Match damals, der Deutsche hatte schon mit 2:0 Sätzen geführt, lag auch im dritten Satz vorne, dann kam der Regen – und schließlich sein nervlicher Zusammenbruch. „Er hat mich danach in der schwedischen Presse attackiert“, sagt Kiefer zu der Lektüre, „das habe ich mir sehr zu Herzen genommen.“ So sehr, dass er beim nächsten Aufeinandertreffen am Samstagabend in New York in der dritten Runde der US Open gegen Johansson besonders motiviert war. Nach nur 98 Minuten hatte der Deutsche gewonnen: 6:4, 6:0, 6:1 hieß es zu seinen Gunsten. Nach knapp zwei Stunden war am Sonntagabend auch Thomas Haas in die nächste Runde eingezogen. Der Hamburger besiegte den brasilianischen Qualifikanten Ricardo Mello 6:2, 6:3, 7:5.

Was genau Johansson gesagt hatte, dazu mochte sich Kiefer nicht äußern, da half kein Drängen und kein Bitten. Aber eigentlich ist es auch egal, solange es hilft. Und daran gab es keinen Zweifel. Kiefer spielte lustvoll und sehr konzentriert, er ließ seinem Gegner keine Zeit zum Nachdenken.. Als Belohnung steht Kiefer erstmals seit einer langen Zeit wieder im Achtelfinale eines Grand- Slam-Turniers. Ein Gefühl, an das er sich erst einmal wieder gewöhnen muss. „Ich weiß gar nicht aus dem Kopf, wann ich es das letzte Mal bei einem Slam in die zweite Woche geschafft habe“, überlegte er laut. Nur an die Vorteile, daran kann sich Kiefer noch genau erinnern: „Dann ist es ein bisschen leerer in der Umkleidekabine.“

Ganz abgesehen von so Kleinigkeiten wie der Tatsache, dass er nun in der Weltrangliste wieder einen Schritt nach oben klettert und sogar eine Teilnahme am Masters Cup, der Tennis-Weltmeisterschaft, im November in Houston in Reichweite gerät. In New York spielte er das Achtelfinale zuletzt vor vier Jahren, in der Runde der letzten 16 Spieler bei einem Grand-Slam-Turnier stand er ansonsten nur 2001 in Wimbledon. Eigentlich war Kiefer mit dem Gefühl angereist, in der schwülen Sommerhitze auf den grünen Hartplätzen von Flushing Meadows nur überleben zu wollen. „Ich bin platt, total müde von einem langen Jahr“, hatte er gesagt.

Wohl auch von den emotionalen Achterbahnfahrten, die größte davon war natürlich die Finalniederlage mit Rainer Schüttler im olympischen Doppel in Athen. Nach vier vergebenen Matchbällen und dreieinhalb Stunden vergeblichem Kampf mit Schüttler gegen die Chilenen Fernando Gonzales und Nicolas Massu hatte es nicht zur Goldmedaille gereicht. Damals saß Kiefer noch tief in der Nacht in den Katakomben des Athener Tennisstadions, weinte sich öffentlich den Frust von der Seele und beklagte das verlorene Gold.

Inzwischen aber freundete er sich mit dem Silber an, so sehr, dass er es am liebsten mit auf Reisen nehmen würde. Seine Augen funkeln und seine Stimme hebt sich, wenn er davon spricht. Olympia, das war für ihn ein großartiges Fest, und die Erinnerungen daran tragen ihn noch in New York. Es scheint fast so, als habe er diese Grenzerfahrung gebraucht, um endlich mit seiner emotionalen Seite Frieden zu schließen. Um zu verstehen, dass sie ihm helfen kann auf dem Platz, wenn er sie nur richtig nutzt.

Im Augenblick jedenfalls genießt Kiefer in vollen Zügen alles, was da noch kommen mag. Zunächst wird das der Brite Tim Henman sein im Achtelfinale, ein solider Top-Ten-Spieler der alten Hartplatz-Schule mit klassischem Serve-und-Volley-Stil.

Kiefer geht das Spiel gegen Henman überaus gelassen an. „Ich kann gut passieren, wenn er ans Netz kommt, ich bin gut zu Fuß“, sagt er. „Ich gehe auf jeden Fall mit breiter Brust auf den Platz.“ Es braucht also nicht immer herablassender Worte des Gegners, um einen Nicolas Kiefer zu motivieren.

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