Sport : Bemüht glücklich

Die Jahrmarktstimmung in Bremen ist vorbei – es sind grundsätzliche Fehler im Spielsystem aufgetaucht

Frank Hellmann

Bremen . Trainingseinheiten der Profis des SV Werder Bremen waren in jüngster Vergangenheit wie kleine Jahrmärkte. Alte und junge Fans pilgerten zu Hunderten Richtung Osterdeich, um am Gitterzaun Helden zu bestaunen und nach Trainingsende ein Autogramm zu erhaschen. Ein Plausch hier, ein Foto dort, am besten gleich mit der Meisterschale aus Pappmaché. Seit gestern ist Schluss mit der Rummelplatzstimmung. Trainer Thomas Schaaf, der seiner Mannschaft nach den Sonntagspielen stets Montag und Dienstag freigegeben hatte, sammelte im typischen norddeutschen Schmuddelwetter seine Spieler um sich.

Es war eine klare Ansprache nötig, mancherorts wird so etwas als Kopfwäsche bezeichnet. So wie Schaaf verlangt, dass im Stadion noch nicht der Meistersong von „Klaus&Klaus“ eingespielt wird, fordert er von seinen Spielern wieder mehr Konzentration und bessere Kombinationen. Denn Resultat und Spiel dieses Sonntags verliefen unbefriedigend: 1:1 gegen den SC Freiburg, das ist zu wenig für Werders Titel-Traum.

Die Folge: Aus einst elf sind nur noch sieben Punkte Vorsprung geworden. Und eingefleischte Bremer Fans erinnern sich noch mit Grausen an das Jahr 1986, als drei Spieltage vor Schluss mit der Zwei-Punkte-Regel vier Punkte Vorsprung nicht reichten – und die Bayern am letzten Spieltag Meister wurden. Aber seit es drei Punkte gibt für einen Sieg in der Bundesliga, hat noch keine Mannschaft einen Vorsprung von sieben Punkten verspielt. Nur Bayer Leverkusen reichten einmal zwei und einmal ein Punkt Vorsprung am 27. Spieltag nicht aus, um den Titel zu gewinnen. Ansonsten galt bisher: Wer am 27. Spieltag vorne ist, wird Meister.

Thomas Schaaf versuchte am Montag in aller Öffentlichkeit jedoch das Positive aus 18 Spielen ohne Niederlage zu ziehen: „eine schöne Sache“. Und er konterte Fragen nach dem Rückschlag gegen das auswärtsschwächste Team der Liga mit Sarkasmus: „Hat einer geglaubt, dass wir mit 20 Punkten Vorsprung Deutscher Meister werden?“

Aus München waren da schon die ersten forschen Töne angekommen. „Die Bremer kommen jetzt unter Druck“, hatte der Münchner Trainer Ottmar Hitzfeld gesagt. Das haben die Hanseaten argwöhnisch aufgenommen. Klaus Allofs, Geschäftsführer Profifußball, erwiderte sogleich: „Wenn wir spielen, was wir können, haben die Bayern keine Chance. “ Nein, in Allofs Einschätzung tauchen keine Selbstzweifel auf. „Wir haben immer noch drei Punkte mehr Vorsprung als vor der Winterpause. Das ist sensationell.“ Tenor: Man werde nicht den glanzvollen Durchmarsch machen, wohl aber Meister werden. „Unser Zustand ist immer noch die Steigerung von überglücklich“, sagt Allofs.

Aber das genau ist auch das Problem einer Werder-Elf, die gegen Freiburg die letzte Entschlossenheit vermissen ließ und auch im nächsten Heimspiel gegen Hannover wieder am Sonntag antreten muss. Den Spieltermin werten intern einige im Fernduell mit den Bayern als Nachteil, schließlich können die Münchner vorlegen und Werder dadurch unter Druck setzen. Es scheint nicht für jeden selbstverständlich, die ungewohnte Begeisterung in der Stadt zu verarbeiten. Und: Werders Offensivspiel stockt, wenn es gilt, massive Deckungen und taktisch flexible Gegner wie den SC Freiburg zu besiegen. „Das hat mich sehr an das Pokalspiel gegen Lübeck erinnert“, sagte Allofs. Baut der Kontrahent die Spielmitte zu, nimmt er dem Ideengeber Johan Micoud den Spaß und den Stürmern Ivan Klasnic und Ailton die Räume im Spiel. Über die Außenbahnen geht im Vorwärtsgang bei Werder so gut wie nichts. Allofs vermeidet jedoch eine grundsätzliche Debatte über die Schwäche des Werder-Spiels.

Trainer Schaaf bewertete die Leistungsschwäche als zeitlich begrenzt: „Solche Tage gibt es, unser Kombinationsspiel ist nicht in Gang gekommen.“ Doch in Frankfurt erwartet die Bremer eine ähnlich defensive Mannschaft. „Da müssen wir gewinnen und ein Zeichen setzen“, verlangt Mittelfeldspieler Krisztian Lisztes.

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