Bereit für die Rückrunde : Hertha-Torwart Aerts: "Hinfallen, aufstehen, lernen."

Nur zehn Wochen nach seinem Kreuzbandanriss ist Herthas Torhüter Maikel Aerts wieder fit. Ein Gespräch über Charakter, positive Energie und Fahrradfahren.

Pünktlich zum Rückrundenbeginn meldet sich Maikel Aerts wieder gesund.
Pünktlich zum Rückrundenbeginn meldet sich Maikel Aerts wieder gesund.Foto: dpa

Herr Aerts, wenn morgen die Rückrunde der Zweiten Bundesliga beginnen würde...

... dann könnte ich spielen. Ohne Wenn und Aber. Ich bin bereit.

Das haben nicht alle so erwartet, nachdem Sie zehn Wochen wegen eines Kreuzbandanrisses ausgesetzt haben. Hertha BSC wird nun auf die Verpflichtung eines neuen Torhüters verzichten. Das ist eine gute Nachricht für Sie.

Ich denke, das ist eine gute Nachricht für die ganze Mannschaft und für Hertha BSC. Ich mache meinen Job und habe sehr hart dafür gearbeitet, diese Verletzung ohne Operation zu überwinden. Hertha hat mir Vertrauen gegeben, das möchte ich zurückgeben.

Hatten Sie mal Angst, dass es schiefgehen könnte und Sie nicht rechtzeitig zur Rückrunde fit werden?

Nein, ich habe fest daran geglaubt, sonst hätte ich nicht jeden Tag so hart dafür gearbeitet. Du musst ein realistisches Ziel vor Augen haben. Das war bei mir der Fall.

Gab es in Ihrer Karriere schon mal eine vergleichbare Situation?

Vor drei Jahren bei Willem II Tilburg habe ich mir in einem Spiel gegen Ajax Amsterdam den Knöchel und das Wadenbein gebrochen, im Bein sind bis heute Metallplatten und Schrauben. Meine Kinder haben mir damals sehr geholfen. Meine Tochter war drei Jahre alt, sie ist zu mir gekommen, hat meinen Fuß geküsst und gesagt: Papa, mach dich nicht verrückt, das wird schon! Was wollen Sie da noch sagen? Wenn die Kleine so unbefangen damit umgeht, dann muss ich das doch auch! Glauben Sie mir, von Kindern kann man viel lernen.

Profifußball ist nie ohne Risiko.

Wenn du jeden Tag 100 Prozent von deinem Körper forderst, wird dir irgendwann auch mal etwas passieren. Du kannst dann natürlich jammern: Verdammt, das ist so ungerecht, warum ausgerechnet ich? Aber das ist negative Energie und was du brauchst, ist positive Energie. Das musst du dir immer wieder klarmachen.

Kann man das lernen?

Kann sein, ich kann nur für mich sprechen. Meine Erfahrung sagt, dass du im Leben auch mal die andere Seite der Medaille sehen musst. Wenn du alles getan hast, kannst du jeden Tag zufrieden in den Spiegel schauen.

Hertha BSC hat Sie auch als Vorbild für die Kollegen verpflichtet. Wenn Sie so schnell nach einem Kreuzbandanriss wieder fit sind, traut sich doch keiner, wegen Wehwehchen beim Training zu fehlen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich mache das nicht für die Kollegen, sondern nur für mich selbst. Ich bin einfach so. Wenn ich versuchen würde, das große Vorbild zu spielen, wäre das gekünstelt. Das würden die anderen sofort merken. Kann sein, dass Hertha mich auch wegen meiner Einstellung, wegen meines Charakters geholt hat. Aber da müssen Sie andere fragen.

Gerne. Manager Michael Preetz sagt, Sie würden in der Kabine Dinge sagen, die andere nicht so gern sagen, weil sie eben unangenehm sind. Sie würden schon mal einen Spieler richtig durchschütteln, wenn es der Mannschaft weiterhilft.

Wenn ich das mache, dann nur, um dem betreffenden Spieler zu helfen. Wir haben bei Hertha zusammen ein großes Ziel und wir haben eine große Chance es zu erreichen, aber dafür muss jeder alles geben.

Als Sie verletzt waren, hat Hertha dreimal hintereinander verloren. Haben Sie sich in dieser Krise mal gewünscht, in der Halbzeit die Mannschaft wachzurütteln und negative in positive Energie umzuwandeln?

Vielleicht waren diese drei Niederlagen ganz gut. Denn gerade daraus lernt man.

Dann war das ein teurer Lernprozess. Einer, der neun Punkte gekostet hat.

Ja, aber das ist nicht mehr zu ändern. Wenn man zu lange nachdenkt und hadert, bedeutet das wieder negative Energie. Also: Wenn wir in der Rückrunde ein Spiel verlieren, gehen schneller die Alarmlampen an. Diese Niederlagen haben die Mannschaft ein bisschen stärker gemacht. Du musst daran arbeiten, dass jeden Tag für dich die Sonne scheint. Wir können in diesem Jahr zu Helden werden, aber so weit ist es noch lange nicht.

Was fehlt denn noch?

17 Spiele, und jedes ist verdammt wichtig. Das erste Spiel in Oberhausen ist wichtig, danach Düsseldorf, und immer so weiter. Wir haben 17 Endspiele vor uns und dürfen keines unterschätzen. Wir haben Respekt vor jedem Gegner, aber nicht zu viel. Am wichtigsten ist der Respekt vor der eigenen Mannschaft.

Haben Sie im vergangenen Sommer lange überlegt, aus der holländischen Eredivisie zu einem Bundesligaabsteiger zu gehen?

Nein. Hertha ist ein großer Verein und Berlin eine Super-Stadt. Die Menschen hier liegen mir. Die Mentalität kommt mir entgegen. Die Berliner reden nicht viel, sie packen an. Genauso bin ich auch.

Sie sind in ein Kloster gegangen und haben in einem Crashkurs Deutsch gelernt. Eine Woche, jeden Tag von morgens bis abends.

Und? Würden Sie das nicht auch machen? Nehmen wir an, Sie bekommen morgen das Angebot, bei einer großen holländischen Zeitung zu arbeiten. Wenn Sie den Job unbedingt wollen, werden sie auch in einer Woche Holländisch lernen. Wir haben da ein Sprichwort in den Niederlanden, ich glaube das haben Sie in Deutschland auch: Waar een wil is, is een weg...

... wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Ich sehe, wir verstehen uns.

Haben sie noch andere Sachen geschafft mit Ihrem Willen?

Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel, aber Sie dürfen nicht lachen.

Versprochen.

Also gut: Fahrrad fahren. Das ganze Leben ist wie Fahrrad fahren. Du fängst an, fährst ein paar Meter, fällst hin, schlägst dir die Knie auf, aber weil du unbedingt Fahrrad fahren willst, versuchst du es immer wieder – irgendwann funktioniert es. So ist das ganze Leben. Hinfallen, aufstehen, lernen, immer weiter lernen.

Wann haben Sie Fahrrad fahren gelernt?

Vor einer Woche.

Ah ja? Dabei haben Sie sich wahrscheinlich auch die Knieverletzung zugezogen. Und wir dachten alle, das wäre beim Training passiert.

Genau! Wir verstehen uns immer besser. Sie dürfen nie vergessen zu lachen. Wenn Sie einen Tag nicht lachen, haben Sie einen Tag nicht gelebt.

Das Gespräch führte Sven Goldmann.

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