Sport : Berge von Schmerzen

Nach seinen Stürzen muss sich Ullrich quälen

Hartmut Scherzer

Grenoble - Jan Ullrich sah angeschlagen aus wie ein Boxer: Eine rote Schwellung rechts auf der Stirn, ein blauer Fleck im rechten Augenwinkel. Die sichtbaren Blessuren vom üblen Sturz am Vortag. „Der ganze Oberkörper ist rot und blau“, verriet Teamarzt Lothar Heinrich. Rote Narben am Hals erinnern noch an den Heckscheiben-Crash zehn Tage zuvor. Aber sein Optimismus ist trotz dieser Schläge bei der 92.Tour de France ungebrochen. „Ich bin mehr glücklich als deprimiert“, beteuerte er während der Nachmittags-Pressekonferenz auf der sonnenüberfluteten Terrasse des Novotel in Voreppe.

Als Jan Ullrich aus der Privatklinik „Du Mail“ trat, streckte er die Arme in Siegerpose in die Höhe. Heil gebliebene Rippen können auch ein Erfolgserlebnis vermitteln. Nichts gebrochen, so das Ergebnis der Röntgenaufnahme. „Ich freue mich jetzt darauf, mit dem Team zu trainieren“, sagte Ullrich erleichtert.

Dennoch wird der Jäger Lance Armstrongs nach seinem spektakulären Sturz am Sonntag heute schwer angeschlagen zur ersten großen Bergetappe zum 22,2 Kilometer langen Alpenanstieg (durchschnittlich 6,2 Prozent) nach Courchevel aufbrechen. Der von oben bis unten geprellte Körper wird höllisch schmerzen. Rippenprellungen seien genauso schmerzhaft wie Rippenbrüche, vor allem beim tiefen Ein- und Ausatmen. Der Unterschied: Die Lunge sei nun nicht gefährdet. „Jan wird sehr starke Schmerzen haben“, prophezeit ihm der Arzt.

Ullrich wird leiden und sich quälen müssen. Er muss unglaublich viel aushalten: Erst krachte er mit Schulter und Kopf durch die Heckscheibe des Schrittmacherautos, dann überschlug er sich bei Tempo 60 drei-, viermal kopfüber. Wie soll er so dem Energiebündel Armstrong noch Paroli bieten?

Die Verletzungen, sagte der Arzt, seien „viel intensiver“ als nach dem Auffahrunfall. Doch Ullrich jammert nicht. „Stürze gehören zum Radsport und zu unserem Beruf. Ich hoffe, dass ich nun durch bin für diese Tour.“ Er hatte wieder Glück im Unglück. „Ich konnte gestern weiterfahren, habe keine Zeit verloren, nichts ist gebrochen. Schmerzen kann man ertragen. Ich bin bereit, nehme es, wie es kommt.“

Nach der späten Landung in Grenoble wurde der Sturzpatient bis weit nach Mitternacht von den Physiotherapeuten Birgit Krohme und John Boule mehr bearbeitet als behandelt. Boule ist Akupunkteur „und zur Schmerzlinderung ideal“, sagte Heinrich. Am Ruhetag durfte Ullrich ausschlafen. Alles wurde um zwei Stunden verschoben: Aufstehen 10 Uhr, Röntgen 11 Uhr, Abfahrt zum Training 12 Uhr, Pressekonferenz 16 Uhr. Zwischendurch drei Stunden Training. „Normal. Alles in Ordnung“, kommentierte er die Ausfahrt.

Keine Sekunde habe er nach dem Malheur und den Folgen ans Aufgeben gedacht. Im Gegenteil: „Jetzt erst recht.“ Armstrong dankte er, dass seine Mannschaft nach dem Sturz das Tempo rausgenommen habe. „Jetzt habe ich richtig Bock auf die Tour“, sagte Ullrich lachend. Ein Handicap durch den Sturz befürchtet Ullrich nicht. „Wenn die Schmerzen in den Beinen stärker werden, dann spüre ich die Schmerzen im Körper nicht mehr.“

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