Sport : Bergkamp Reloaded

Robin van Persie galt als arrogant, verwöhnt und trainingsfaul. Doch durch sein Idol Dennis Bergkamp lernte er die Seriosität und Intensität des professionellen Fußballs. Das macht ihn jetzt so wertvoll für das holländische Team

Raphael Honigstein[Zürich]

Den griechischen Mathematiker Archimedes ereilte vor 2000 Jahren in der Badewanne die Erleuchtung; der niederländische Fußballer Robin van Persie dagegen erkannte vor drei Jahren in einem Nordlondoner Jacuzzi die Wahrheit. Sie hörte auf den Namen Dennis Bergkamp. „Ich konnte aus dem Fenster sehen, wie er nach dem Mannschaftstraining vom FC Arsenal noch alleine weiter übte“, erinnert sich van Persie. „45 Minuten lang hat er keinen einzigen Fehler gemacht, obwohl niemand zusah. Er wollte es perfekt machen, nur für sich selbst. Ich wusste, so will ich auch sein. Als Jugendlicher suchst du nach Antworten. Manchmal kommen sie ohne Worte.“

Van Persie, der Sohn eines Rotterdamer Künstlerpaars, war 2004 als „neuer Bergkamp“ von Feyenoord zum FC Arsenal gewechselt. Johan Cruyff betrachtete ihn, noch vor Arjen Robben, als talentiertesten Spieler seiner Generation. Trotzdem kostete er nur vier Millionen Euro, denn van Persie galt als arrogant, verwöhnt, trainingsfaul. In einem Ligaspiel gegen den RKC Waalwijk hatte er ungefragt einen Freistoß geschossen, den sich der Startstürmer Pierre van Hooijdonk zurecht gelegt hatte. Sein damaliger Trainer Bert van Marwijk versuchte immer wieder erfolglos, den Jungen zu disziplinieren. Schon in der Schule war er oft aus den Klassenzimmern geflogen und hatte so viel Zeit auf den Gängen verbracht, dass er zum besten Kumpel des 30 Jahre älteren Hausmeisters geworden war.

Anständige Leistungen brachten ihn in London nach ein paar Monaten einen Startplatz ein, doch als er im Oktober 2005 nach zwei dummen Fouls in Southampton vom Platz flog und Arsenal dadurch verlor, landete er wieder auf der Bank. Anders als der schroffe van Marwijk versuchte es Arsenal-Trainer Arsène Wenger mit subtiler Pädagogik. „Er wurde nicht laut“, sagte van Persie nach seinem Platzverweis, „er stellte mir nur eine Frage: Was musst du tun, um ganz nach oben zu kommen?“ Van Persie verstand. Von Bergkamp, dem wortkargen, zutiefst seriösen Fußballcalvinisten, lernte er, ein professionelles Leben zu führen. Diamantenklunker und Platinketten verschwanden im Safe. Dafür begann er, „wie ein Extremist“ an sich selbst zu arbeiten.

Er ließ sich ein Dossier von Wengers Computerspezialisten zusammenstellen und wertete seine Laufwege aus. Mit Spezialisten in Rotterdam trainiert er an freien Tagen Schnelligkeit und Ausdauer. Sein Oberkörper wurde mit den Jahren immer breiter, doch seine Fähigkeiten am Ball, die er auf den Straßen von Kralingen, dem Rotterdamer Einwandererviertel, gelernt hatte, litten nicht darunter. Die anderen Kinder nannten ihn damals „den Holländer“ – er war das einzige weiße Gesicht unter Marokkanern und Jungs aus Surinam. Schon mit 20 heiratete er seine Freundin Bouchra. Ihre marokkanische Familie erlaubte keine außerehelichen Beziehungen.

Zwei Wochen Untersuchungshaft nach einer Anzeige wegen Vergewaltigung – die Untersuchungen wurden eingestellt – haben ihm vor zwei Jahren die letzten Sperenzchen ausgetrieben. Neben dem Fußball hat er jetzt nur noch für ein harmloses Hobby Zeit: Mit Trainer Marco van Basten liefert er sich im Mannschaftshotel packende Tischtennis-Duelle. „Wir wollen beide um jeden Preis gewinnen“, sagt er. Bei diesem Holland dreht sich anscheinend alles um Ergebnisse. Selbst beim Ping-Pong.

Siegen will van Persie auch bei der EM, um genau zu sein, noch dreimal: „Wir haben ein Signal gesetzt, aber das ist nur ein Teil des Traums.“ Er hat Erfahrung damit, nach einem sensationellen Auftakt und fantastischen Fußball am Ende mit leeren Händen dazustehen – so erging es seinem Verein in der abgelaufenen Saison.

Gegen Russland muss die niederländische Nationalmannschaft am Sonnabend zeigen, dass sie ihre besten Spiele nicht schon zu früh gemacht hat. Van Persie, der problemlos Mittelstürmer, Flügelflitzer und alles dazwischen spielen kann, ist zum Glück der lebende Gegenbeweis dieser These: Er findet nach vielen Verletzungen ja erst langsam ins Turnier. Gegen Italien war er noch nicht richtig fit und kam 20 Minuten vor Schluss in die Partie. Im zweiten Spiel schoss er kurz nach seiner Einwechslung zur Pause das vorentscheidende 2:0 gegen die Franzosen. Und gegen Rumänien durfte er erstmals seit langer Zeit 90 Minuten spielen. Er traf wieder, zum späten 2:0. „Ich habe das Gefühl, dass hier etwas Wunderbares passiert und wir unschlagbar sind“, sagte er hinterher.

Im niederländischen Lager ist es ein offenes Geheimnis, dass van Bastens Lieblingssturm aus Ruud van Nistelrooy, Wesley Sneijder, Rafael van der Vaart und van Persie besteht. Fraglich ist nur, was die Russen mehr erschrecken wird: den schussstarken Linksfuß in der Startformation zu sehen oder als frischen Entscheidungsspieler nach der Pause? In Basel dürfte Marco van Bastens beste Antwort van Persie und dessen variable Spielweise in der Offensive sein. Egal, wie die Frage lautet.

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