• Berlin 2000: Wie die kleine Charlotte und ihre Eltern sich die Olympischen Spiele in Berlin ausmalen

Sport : Berlin 2000: Wie die kleine Charlotte und ihre Eltern sich die Olympischen Spiele in Berlin ausmalen

Sigrid Kneist

Das Bärchen war ein voller Erfolg. Wenn es für unsere Tochter und ihre Freundinnen einen Grund für Olympia 2000 in Berlin gibt, dann diesen: "Berli". Gelb, rund und kuschelig hat sich das Tierchen nicht nur in ihr Herz geschlichen. Die Kinderwelt ist völlig jeck. Berli als Kuscheltier, auf Schulheften, T-Shirts und Schlafanzügen. Berli-Sammelkarten und CD-Roms - das Olympia-Maskottchen ist allgegenwärtig. Selbst bei Teenies baumelt es plüschig an den Body Bags; in dieser Saison hat die Diddl-Maus keine Chance. Die Spiele sind vorbei, Berli bleibt uns erhalten.

Als die Berliner Olympia-Idee geboren wurde, war Charlotte noch nicht auf der Welt. Aber schon für das Kleinkind war Olympia bald kein Fremdwort mehr. Ende der neunziger Jahre profitierten Kinder-Einrichtungen von allerhand Veranstaltungen, die die Stadt das vor-olmpische Chaos vergessen lassen sollten. Quasi als Bonbon für all das organisatorische Ungemach und die vielen Skandälchen in den vorangegangenen Jahren - das Abgeordnetenhaus hat inzwischen schon den dritten Untersuchnungsausschuss ins Leben gerufen.

Unsere Kita verabschiedete sich also im Juli mit einer "Mini-Olympiade" zwei Wochen vor Beginn der Maxi-Olympiade in die Sommerferien - Goldmedaillen für die Kleinen natürlich inklusive. Anders als viele Berliner Familien, die dem Rummel entgehen wollten, blieben wir in der Stadt. Der Vergnügungsfaktor wird bei uns groß geschrieben - Olympia ist schließlich ein Ausnahmeereignis.

Das war es wirklich. Die Stadt war nicht mehr wiederzuerkennen; sie wimmelte von Menschen aus allen Ländern dieser Welt - und natürlich wie immer bei Großereignissen in Berlin von den in Horden einfallenden Sportfans aus der deutschen Provinz. Wo etwas los ist in der Stadt, vernimmt man komischerweise immer zuerst schwäbische Laute.

Die Eröffnungsfeier am frühen Abend des 22.Juli sahen wir im vollbesetzten Stadion. Tausende Kinder aus Berliner Sportvereinen - darunter die beste Freundin unserer Tochter - formierten sich in unglaublicher Leichtigkeit im Stadionrund immer wieder neu zu fantastischen bunten Bildern - von Pathos keine Spur. Die Welt sollte nicht daran erinnert werden, dass in dieser Arena schon einmal Propaganda-Spiele der Nazis stattgefunden hatten. Also boten die Choreographen eine fröhliche Farbenpracht. Ein bezauberndes Bild, wenn es nur nicht so fürchterlich geregnet hätte.

Das Wetter war in den 15 Berliner olympischen Tagen der einzige große Schwachpunkt. Viele Open-Air-Events, die in der ganzen Stadt veranstaltet wurden, fielen einfach ins Wasser. Auch das Springreiten, das in der so wunderschön wieder hergestellten Anlage in Hoppegarten stattfand, war wegen strömenden Regens ein in dieser Hinsicht getrübtes Vergnügen. Ein Reitwettbewerb war einfach Pflicht für uns - kleine Mädchen sind nun mal die größten Pferdeliebhaberinnen auf dieser Welt.

Aber auch wenn der Himmel noch so grau war, lachte Berli einen in der gesamten Stadt mit seinem gelben Konterfei an. Dabei war das Tier anfangs so umstritten. Entwickelt wurde das Bärchen nach dem Punkt-Punkt-Komma-Strich-Bären-Logo des Düsseldorfer Werbemannes Michael Schirner. Es hatte seinen Einsatz schon in den Anfangsjahren der Berliner olympischen Idee und erschien vielen zu simpel. Dadurch war es bereits zu präsent, als dass andere Tierchen es hätten verdrängen können. Seinen nicht gerade originellen Namen erhielt das Wesen, weil es die Komponenten Wappentier und Name der Stadt in sich vereint und auch international leicht zu artikulieren ist. Das Merchandising muss etliche Millionen Mark in die Kassen gespült haben und noch immer spülen. Hoffentlich wird wenigstens ein Teil des riesigen Milliarden-Defizits damit gedeckt, den das Spektakel verursacht hat.

Mit dem gelben Tier wurden wir schon die letzten Jahre auf Olympia eingestimmt. Das fiel oft richtig schwer: Nicht nur die Riesenbaustelle Berlin nervte. Alle anderen Aufgaben der Stadt mussten hinter dem Großprojekt Olympia zurückstehen. Notwendige Investitionen haben auch in den nächsten Jahren keine Chance. Hat sich Olympia gelohnt? Schwer zu sagen; vom Mega-Aufwand her wahrscheinlich nicht, aber als einmaliges persönliches Erlebnis ganz bestimmt. Nicht nur wegen Berli.

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