Sport : Berlin Capitals: Ehrlich währt nicht lange

Claus Vetter

Den 1. März 2001 wird Chris Valentine so schnell nicht vergessen. "Damals habe ich die Wahrheit gesagt und das hat mich meinen Job gekostet." Ehrlichkeit zahlt sich eben nicht immer aus, und gezahlt wurde beim einstigen Arbeitgeber des kanadischen Trainers, den Capitals aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), seinerzeit ohnehin nicht. Valentine hatte öffentlich moniert, dass bei den Berlinern seit zwei Monaten keine Gehälter mehr flossen. Zwei Tage später wurde er von der hilflosen Klub-Führung entlassen. Der kleine Schneeball, den Valentine geworfen hatte, wurde zur Lawine. Nach und nach kam heraus, dass die Capitals Schulden in zweistelliger Millionenhöhe vor sich herschoben.

Der Rest ist bekannt, in letzter Minute konnten sich die Berliner kurz vor Saisonbeginn noch entschulden und ihre Lizenz behalten. Die im aberwitzigen Tempo zusammengebastelte Mannschaft der Capitals ist mit vier Niederlagen in die Saison gestartet, und nicht viel spricht dafür, dass schon heute gegen die Krefeld Pinguine (Beginn 19.30 Uhr, Deutschlandhalle) eine Wende zum Guten erfolgt. Auch wenn dies der Trainer der Rheinländer nicht ausschließen möchte. Im Frühjahr hat Valentine einen Vertrag bei den Pinguinen unterschrieben: "Momentan möchte ich lieber bei den Eisbären als bei den Capitals spielen. Denn irgendwann werden die ein Spiel gewinnen. Hoffentlich nicht gegen uns."

Dem Ruf von Valentine hat es nicht geschadet, dass er damals offen über die tatsächliche Situation der Capitals referiert hat. Nun ist es zwar in der DEL nicht außergewöhnlich, dass Gehälter mal nicht am Stichtag kommen, aber es gibt das ungeschriebene Gesetz, dass sich Angestellte eines Klubs in so einem Falle gegenüber der Öffentlichkeit darüber ausschweigen. "Bei den Capitals war die Situation doch eine ganz spezielle", meint Valentine, "da wurde mir von Anfang an nicht die Wahrheit erzählt. Ich habe zum Beispiel vom Rücktritt des ehemaligen Managers Roger Wittmann zuerst aus der Zeitung erfahren."

Inzwischen hat das Kapitel Capitals für Valentine doch noch ein glückliches Ende gefunden. "Einen Tag vor dem Gerichtstermin haben die mir mein ausstehendes Gehalt gezahlt. Ich weiß zwar nicht, woher das Geld kam, aber es ist da." Dem Gastspiel in Berlin sieht Valentine trotz seines abrupten Abgangs von den Capitals ohne große Emotionen entgegen. "Heute ist bei denen doch alles anders. Die spielen in einer anderen Halle, haben eine andere Mannschaft."

Seinen Nachfolger beneidet Valentine nicht. "Auch, wenn es mir, abgesehen von den Capitals in Berlin sehr gut gefallen hat, mit dem Gunnar möchte ich nicht tauschen." Nachvollziehbar, denn kaum ein Trainer hat es momentan in der DEL so schwer wie Gunnar Leidborg. Zwei Wochen nach Saisonauftakt zieren die nach ihrem Theater um die Lizenz mit sechs Minuspunkten bestraften Capitals mit gehörigem Abstand das Tabellenende. Angesichts fehlender Vorbereitung keine Überraschung. "Es gab doch nur zwei Möglichkeiten", sagt Leidborg, "entweder nicht spielen oder ein hartes Jahr in Kauf nehmen."

So ist es wohl, trotzdem zehrt die sportliche Realität an den Nerven der Beteiligten. "Alle sind bei uns ein bisschen nervös", sagt Leidborg, "keiner hat sich vorher schon mal in so einer Situation befunden." Auch dem Umstand, dass sich die Capitals noch immer in einer personellen Übergangssituation befinden, kann Leidborg nichts abgewinnen. "Am fünften Spieltag keine komplette Besetzung zu haben, das macht natürlich keine Freude." Leidborg muss auch gegen Krefeld mit nur fünf Verteidigern auskommen. Olle Öst ist auf der Suche nach Verstärkung, gestern war der Sportdirektor der Capitals in der schwedischen Heimat unterwegs. Wohl auch angesichts des knappen Budgets ist Öst anscheinend noch nicht fündig geworden. Aber immerhin wird offen darüber gesprochen, dass das Geld nicht so locker sitzt. Insofern hat sich seit Valentines Zeiten bei den Capitals schon etwas geändert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben