Berlin erneut in türkischer Hand : Wasserpfeife vor dem Jubel

Schon kurz nach dem Sieg der Türkei am Freitagabend war an vielen Stellen in Berlin kein Durchkommen mehr. Autokolonnen mit Halbmondflaggen stauten sich überall, etwa unter den Kreuzberger Yorckbrücken oder in der Lietzenburger Straße in Charlottenburg.

Tuerkische Fans
Stern und Halbmond über Berlin. Türkische Fans feiern am Kurfürstendamm den Einzug der Türkei ins Halbfinale.Foto: Davids

Die Polizei hatte weite Teile von Ku’damm und Tauentzien für Autos gesperrt. Aber Verkehrsregeln konnten die Begeisterung kaum aufhalten: Mancher fuhr einfach quer über den Breitscheidplatz.  Die Falckensteinstraße in Kreuzberg war allein wegen der schieren Zahl der Fans schon Stunden vorher fast zur Fußgängerzone geworden. Im Café Kemer war die Stimmung schon vor dem ersten Tor fröhlich. Warum, erklärte Bayram, der das Spiel aus seinem türkisch beflaggten Nissan heraus beobachtete: „Wir warten darauf, dass die Kroaten ein Tor schießen, damit wir endlich loslegen können.“

Später am Abend sollte er vor Begeisterung noch eine Delle ins Autodach hauen. Und sich auf sein deutsch-türkisches Traumhalbfinale freuen. Denn nur für diesen Fall hatte er seiner Verlobten – sie stammt aus Frankfurt (Oder) – versprochen, das Halbfinale mit ihr gemeinsam zu schauen.

Und im Kardesler-Restaurant in der Potsdamer Straße konnte Sevim, Mitte 20, endlich Plan A starten: „Ab auf den Ku’damm und dann Party ohne Ende.“ Plan B wäre gewesen, mit kroatischen Freunden in der Yorckstraße zu feiern. Gegen 23 Uhr sprangen die türkischen Gäste des Cafés „Horus“ schon bei jeder noch so kleinen Chance für die Türkei von ihren Plastikstühlen hoch. Nur um sich dann gleich wieder fallen zu lassen – und einen Zug aus der Wasserpfeife vor sich zu nehmen. Die Pfeife wirke entspannend, sagte einer. Manchem der vielen Kinder wurde die Verlängerung dann aber doch zu lang und ein paar Jungen und Mädchen schliefen auf Papas und Mamas Schoß ein.

Die türkischen Zeitungen hatten den Fans schon in den Tagen vor dem Spiel mächtig eingeheizt.  Für deutsche Ohren klang der Ton, den die türkischen Blätter dabei anschlugen, zuweilen etwas martialisch. „Dieses Mal werden wir es schaffen, Wien zu erobern“, titelte die „Türkiye“. Weiter hieß es: „Die Türkei, die ein zweites Mal vor denToren Wiens steht, will dieses Mal reingelassen werden.“ Die Feindschaften zwischen den Nachfahren der Osmanen und ihren Nachbarn in Europa gehören längst der Vergangenheit an. Bei wichtigen Spielen neigen die türkischen Journalisten aber dazu, pathetisch zu werden. Und da müssen dann auch die Kroaten für historische Bilder herhalten. „Das sind die Enkel der Kroaten, die sich gegen das osmanische Heer gestemmt hatten“, heißt es in der „Türkiye“.

Im Café „Le Pétit“ am Hermannplatz ließ man sich von solchen Sprüchen gestern Abend nicht beeindrucken: Friedlich starrten hier Türken und Kroaten gemeinsam auf die Leinwand. Fahnen hatten allerdings nur die Türken mitgebracht. CD/mj/obs/suz/wie

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