• "Berlin fliegt" am Brandenburger Tor: Julian Reus und das Rennen gegen die Radarpistole

"Berlin fliegt" am Brandenburger Tor : Julian Reus und das Rennen gegen die Radarpistole

Julian Reus sprintet bei „Berlin fliegt“ am Sonntag gegen sich selbst. Bei dem Meeting am Brandenburger Tor setzt der DLV auf viele neue Elemente.

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Schnellster Deutscher. Julian Reus (Mitte) hat viele Rekorde aufgestellt.
Schnellster Deutscher. Julian Reus (Mitte) hat viele Rekorde aufgestellt.Foto: p-a/dpa

Am Sonntag werden sich endlich einmal alle Augen auf Julian Reus richten, ganz ohne Ablenkung. Der 28-Jährige ist vielfacher Deutscher Meister und hat in diesem Jahr mehrere nationale Bestzeiten aufgestellt, unter anderem hat er den Deutschen Rekord über 100 Meter auf 10,01 Sekunden gedrückt. Berühmt ist Reus trotzdem nicht – vor allem weil die Konkurrenz bei internationalen Wettkämpfen zumeist stärker ist und beispielsweise Sprintlegende Usain Bolt noch um einiges schneller läuft. Beim „Berlin fliegt“-Meeting vor dem Brandenburger Tor aber wird Julian Reus im Mittelpunkt stehen. „Ich bin gespannt, wie das ist, wenn ich die ganze Aufmerksamkeit in der Arena für mich habe“, sagt er.

Die Situation ist auch deshalb einmalig, weil Reus nicht wie sonst im direkten Vergleich gegen sieben Konkurrenten läuft, sondern zunächst einmal nur gegen sich selbst. Die Sprinter sind erstmals Teil des Länderkampfs „Berlin fliegt“, der am Sonntag zum sechsten Mal ausgetragen wird. Für diese Premiere haben sich die Veranstalter vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) etwas Neues ausgedacht: Beim Sprintwettbewerb geht es nicht um die erreichte Zeit beim Lauf über eine bestimmte Strecke, sondern um die Höchstgeschwindigkeit. Reus und seine Konkurrenten gehen alleine auf die Bahn und haben rund 40 Meter, um zu beschleunigen. Per Radarpistole wird ihr Spitzentempo in Kilometern pro Stunde ermittelt, auf zwei Stellen hinterm Komma.

Reus gehört dann mal allein die Bühne

Obwohl Sprints über 40 Meter zu seinem normalen Trainingsprogramm gehören, hat Reus keine wirkliche Vorstellung davon, was ihn im Wettkampf erwartet. Er habe „eine grobe Ahnung“, welche Höchstgeschwindigkeit in km/h er erreichen werde, sagt er, „die will ich jetzt aber nicht verraten“. Viel Zeit bleibe jedenfalls nicht, auf der kurzen Bahn müsse man jeden Schritt nutzen, um maximal zu beschleunigen – und dabei auf der schmalen Bahn nicht aus dem Tritt zu kommen. „Für mich wird die größte Herausforderung, auf diesem Steg zu laufen, mit einem Abgrund links und rechts“, sagt Reus.

Für „Berlin fliegt“ wird ein kleines Stadion auf der Westseite des Brandenburger Tors aufgebaut, die Wettkämpfe beginnen um 13 Uhr, der Eintritt ist frei, die ARD überträgt live. Neben den Sprintern treten auch Weitspringerinnen und Stabhochspringer an, das deutsche Team – bestehend aus Julian Reus, Malaika Mihambo und Tobias Scherbarth – misst sich mit je drei Sportlern aus Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien. Der DLV will das publikumsnahe Format in diesem Jahr sogar erstmals exportieren: Am 21. September steigt im gleichen Modus eine Veranstaltung in Paris, im kommenden Jahr sollen europäische Hauptstädte wie London oder Rom folgen. Als reine Show-Veranstaltung will Organisator Frank Lebert vom DLV „Berlin fliegt“ aber nicht verstanden wissen. „Bei einer klassischen Show wird das Ergebnis vom Regisseur vorweggenommen,“ sagt Lebert. „Wir wollen die Menschen emotional mobilisieren – aber im Sport ist das Ergebnis offen.“

Bei internationalen Wettkämpfen scheint für deutsche Sprinter hingegen ein Platz auf den hinteren Plätzen festzustehen. Weder bei der EM noch bei Olympia konnte Julian Reus weiter in die Öffentlichkeit sprinten und in einen Endlauf einziehen, in Rio de Janeiro schied er über 100 Meter und 200 Meter im Vorlauf aus. Das Rennen gegen die Radarpistole stellt somit den Abschluss einer durchwachsenen Saison dar. „Der Kopf und der Körper schreien nach einer Pause und nach Urlaub“, sagt er. „Da ist es gut, dass jetzt noch mal etwas ganz anderes kommt, mental und emotional.“ Immerhin: Die schmale Bühne am Brandenburger Tor gehört für ein paar Sekunden ihm allein. „Je näher der Zuschauer dran ist, desto größer ist der Einblick“, sagt er. Vielleicht entdeckt dabei ja der eine oder andere im Publikum, dass es auch in Deutschland schnelle Sprinter gibt.

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