Sport : „Berlin klaut mir keiner“

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Von Michael Rosentritt

Berlin. Der Singsang gewann Samstagnachmittag beängstigend an Lautstärke. Aus den Boxen dröhnte Frank Zanders „Nur nach Hause, nur nach Hause gehen wir nicht“, und die Menge im Rang trällerte inbrünstig mit. Zwischenzeitlich musste man befürchten, das Publikum meine es ernst. Große Güte. Aber natürlich gingen sie. Raus aus dem Stadion, und irgendwann später auch nach Hause. Und mit ihnen ging auch Falko Götz. Herthas Interimstrainer verabschiedete sich mit einem 2:0-Sieg seiner Mannschaft über den FC Schalke 04 im Olympiastadion von den Berliner Fans.

Falko Götz also war im Olympiastadion auf die Ehrenrunde gegangen. Vor 55 000 Menschen. Dem Uhrzeigersinn entgegen. So, wie es auch die Leichtathleten tun. Nur eben nicht ganz so schnell. Dennoch hatte sich Falko Götz entgegen seiner Gewohnheit ein Paar Turnschuhe angezogen. Sonst trägt der adrette Übergangstrainer teure Konfektion. Schließlich drückte er noch seine wattierte Jacke einem Betreuer in die Hand – und los. Erst in die Kurve, wo die treuesten Anhänger des Vereins stehen, die Götz am liebsten behalten würden. „Götz muss bleiben“ hatte einer auf ein Transparent gemalt. Götz winkte, zwinkerte und nickte. Tschüss Leute, wird er sich gedacht haben in diesen Momenten. Es war eine „sehr emotionale Angelegenheit“, erzählte er später, „ich bin ja ein Berliner Junge“. Es klang ein bisschen nach einer Entschuldigung. Er hätte auch sagen können: Ich wäre ja gern länger Trainer geblieben bei Hertha, aber …

Götz hatte das Amt an der Seitenlinie der Profis am 7. Februar von Jürgen Röber übernommen. Doch die Beförderung vom Nachwuchs- und Jugendkoordinator war befristet. Götz und sein Assistent Andreas Thom waren eine Übergangslösung für 13 Spiele. 12 sind Geschichte. Eine gute. 9 Siege, 1 Unentschieden. Verloren wurde nur in Mönchengladbach und bei den Bayern. Kommenden Sonnabend wird Falko Götz ein letztes Mal Hertha aufstellen. Dann, ja was dann? Falko Götz weiß es nicht. Sein direkter Vorgesetzter, Manager Dieter Hoeneß, auch nicht. Erst jetzt, da der Uefa-Cup-Platz gesichert ist, wolle man sich unterhalten. „Die beiden haben ihre Chance beim Schopf gepackt und mit ihrer großartigen Arbeit gezeigt, dass die Entscheidung damals für Hertha BSC die richtige gewesen ist“, sagt Hoeneß. Eine andere Entscheidung, die etwas früher getroffen wurde, ist die: Am 1. Juli wird der scheidende Schalke-Trainer Huub Stevens die Arbeit in Berlin aufnehmen. Was nichts anderes bedeutet, als dass für Götz in absehbarer Zeit kein Platz bei Hertha in der ersten Reihe sein wird. Aber genau da möchte er bleiben. In der ersten Reihe. „Er hat sich einen n gemacht“, sagt Mannschaftskapitän Michael Preetz. Ob das aber reicht?

Angebote hat es in den vergangenen Wochen einige gegeben. Was Richtiges sei nicht dabei gewesen, erzählt Götz. Wäre es denn richtig, in Berlin zu bleiben und bei Hertha wieder in den Hintergrund zu treten? „Wir lassen ihm diese Möglichkeit“, sagt Hoeneß, „er kann den neuen Jugend- und Nachwuchskoordinator Frank Vogel einarbeiten und sich nebenbei auf dem Markt umschauen. Es sei denn, er hat andere Pläne.“ Zu den anderen Plänen gehört etwa, bei einem Spitzenklub eine Hospitanz anzunehmen. Eine feste Stelle bei einem Klub dieser Güte ist derzeit nicht frei. „Seine Potenziale sind aber so gut, dass er nach einigen Stationen für einen Spitzenklub interessant wird“, sagt Hoeneß.

Seit sechseinhalb Jahren ist Falko Götz bei Hertha. Und es deutet viel darauf hin, dass er gehen wird. Berlin liege ihm am Herzen, Hertha aber ist mittelfristig vergeben. Also raus aus Berlin. Ohne Jammerei. Seine Eltern bleiben in der Stadt, er werde also öfter hier sein. „Berlin klaut mir keiner“, sagt Götz. Und wer weiß, wie es Stevens ergeht. Der Holländer hat bei Hertha zunächst für drei Jahre unterschrieben. Eine Garantie ist das nicht. Für keine Seite.

Viel Lob wurde am vergangenen Samstag dem 40-jährigen Neueinsteiger Falko Götz zuteil. Kommenden Samstag wird er bei Hertha aussteigen. Und sich ein neues Zuhause suchen.

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