Sport : Berlin-Marathon: Der ungewöhnliche Weg der Rollstuhlfahrerin Lily Anggreny

Reiner Pilz

Vor elf Jahren startete Lily Anggreny zum ersten Mal in Berlin. Es war erst ihr zweiter Start über die 42,195 Kilometer, der Rennrollstuhl war geliehen und Erfahrung hatte sie damit nicht einmal ein Jahr. Trotzdem wurde sie in 2:01 Stunden Zweite. Seitdem wurde Lily Anggreny zur besten deutschen Athletin im Rennrollstuhl.

Doch die äußeren Voraussetzungen waren einst alles andere als günstig gewesen in der bunten und exotischen Vergangenheit von Lily Anggreny. Geboren in Indonesien als zehntes Kind chinesischer Eltern, erkrankt sie mit acht Monaten an Typhus. Eine Spritze behandelnder Ärzte führt zur Lähmung der Beine, aber sie überlebt und ist die einzige Behinderte in der Umgebung. Wie sie nachbetrachtend feststellt, war das aber auch eine Chance, sich als Frau nicht den herrschenden Konventionen beugen zu müssen, sondern eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Doch viele Türen schienen wegen ihrer Andersartigkeit verschlossen.

Nach jahrelangem Krankenhausaufenthalt wird sie - noch unter ihrem chinesischen Namen Koen Ang - in einem katholischen Nonnenkloster erzogen. Bis dahin stets an Krücken laufend, bekommt sie eines Tages einen Rollstuhl und ist glücklich, ihren Bewegungsraum erweitern zu können.

Mit 18 Jahren nimmt sie die indonesische Staatsbürgerschaft an, und ihr Name wird in Lily Evelyn Anggreny konvertiert. Damit entgeht sie der politischen Diskriminierung und kann aus- und einreisen. Zunächst studiert sie Anglistik an der Universität und soll auf Wunsch ihrer Eltern eine Büro-Laufbahn einschlagen. Aber der Wunsch, die große, weite Welt zu erobern, lässt sie nicht los. Ihr Zahnarzt, ausgebildet in Bochum, wird zum Ratgeber. Mit Anfang 20 kommt sie an die Ruhr-Universität in Bochum, ohne ein Wort Deutsch zu können, aber mit dem festen Willen, hier ihren Erfolg zu gründen. Zum Sport findet sie erst später. An der Universität wird Rollstuhl-Basketball angeboten, dorthin geht sie zum Training. Die sportliche Betätigung tut ihr gut, sie ist die Schnellste unter ihren Mitspielerinnen. "Warum versuchst du nicht mal, im Rennrollstuhl zu fahren", wird sie gefragt. Davon hatte sie bisher nichts gehört, sie wird aber neugierig. Auf einer Reha-Messe sieht sie einen Rennrollstuhl und ist begeistert. Sie kann diesen nur auf Raten abzahlen und schließt sich der Uni-Sportgemeinschaft an. Ihr Talent wird schnell erkannt.

Nun ist es vorbei mit dem ruhigen Leben. Lily Anggreny nimmt teil an einem Trainingslager im Frühjahr 1989 im französischen Avignon und jagt zu Hause im Rennrollstuhl um den Baggersee. Dann geht alles sehr schnell. Bei der Teilnahme an den Titelkämpfen in Frankreich wird die Unbekannte aus Deutschland Französische Meisterin, fährt in Karlsruhe ihren ersten Marathon und siegt in der Frauenkonkurrenz. Kurz darauf belegt sie jenen zweiten Rang in Berlin. Nun hatte sie die Tür endgültig aufgestoßen: Sie ist Mitglied der deutschen Nationalmannschaft und startet zunächst noch als Indonesierin für Deutschland. 1990 gewinnt sie schon die ersten internationalen Medaillen bei den Weltspielen in Assen. 1992 folgen bei den Paralympics in Barcelona in zehn Tagen Gold, Silber und Bronze in der Streckenkombination 5000 m, 10 000 m und Marathon. Als nunmehr deutsche Staatsbürgerin steht sie dann bei den Weltmeisterschaften in Berlin 1994, bei den Paralympics in Atlanta 1996 und bei der WM in Birmingham 1998 mehrfach auf dem Treppchen. Vor den Paralympics in Sydney will sie nun am Sonntag den Berlin-Marathon zum dritten Mal gewinnen.

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