• Berlin-Marathon: Lameck Aguta war reich und erfolgreich - bis er nach einem Verkehrsunfall an die falschen Helfer geriet

Sport : Berlin-Marathon: Lameck Aguta war reich und erfolgreich - bis er nach einem Verkehrsunfall an die falschen Helfer geriet

Jörg Wenig

Im Juli 1997 setzte sich Lameck Aguta in Kenia mit seinem Bruder ins Auto. Sie wollten zu seinen Eltern fahren, um ihnen eine freudige Nachricht zu überbringen: Lameck Aguta würde zum dritten Mal Vater werden. Doch bei seinen Eltern kam er an diesem Tag nie an, stattdessen endete die Fahrt für den Läufer mit einer Tragödie. Der eigentliche Unfall war nicht weiter schlimm. Der Wagen geriet außer Kontrolle und rutschte von der Straße, doch Lameck Aguta und sein Bruder blieben unverletzt. Erst danach wurde es schlimm, denn die nächsten, die an der Stelle vorbeifuhren, halfen den beiden nicht - sie griffen sie an. Die Verbrecher hatten den Läufer erkannt. Jenen Lameck Aguta, der drei Monate zuvor zum größten Triumph seiner Karriere gerannt war und etwas geschafft hatte, wovon jeder in Kenia träumt.

"Wenn du den Boston-Marathon gewinnst, bist du in Kenia ein Held", sagte Elijah Lagat, der im April dieses Jahres dort siegte. "Wenn du nicht gewinnst, sagst du besser nicht, wann du wieder nach Hause fährst." Lameck Aguta hatte ihn 1997 gewonnen, diesen Boston-Marathon. Das war damals umso überraschender, weil es sein erster großer Marathonsieg war. Doch seine Berühmtheit in Kenia wurde Lameck Aguta an jenem Tag im Juli zum Verhängnis. Die Angreifer sahen in dem Star ein lohnenswertes Ziel, schließlich galt Lameck Aguta nicht zu Unrecht als reich. Ein Kenianer, der in Boston gewonnen hat, dürfte ausgesorgt haben. Lameck Aguta erlitt bei dem Überfall schwerste Kopfverletzungen. Der damals 25-Jährige lag im Koma und kämpfte um sein Leben. Lameck Aguta gewann - aber die Verletzungen zeichneten ihn lange. Es wäre eine Sensation, wenn er morgen beim Berlin-Marathon unter die besten zehn Läufer kommen könnte.

Die Karriere von Lameck Aguta hatte 1991 begonnen. Damals entdeckte ihn der Londoner Manager Kim McDonald beim Training in Kenia. Ihm fiel auf, dass sich Aguta bei 1000-m-Trainingsintervallen an einen starken Meilenläufer hängte, obwohl seine zu kleinen Schuhe schon kaputt waren. "Der Junge hatte Herz, das sah man", erinnert sich Kim McDonald, der Aguta damals "alle Schuhe daließ, die ich hatte". Etwas später gehörte Lameck Aguta zu einer Gruppe von Kenianern, denen der Manager Starts in Europa und den USA ermöglichte. Es waren Läufer, die bei Kenias Crossmeisterschaften die WM-Qualifikation verpasst hatten, aber trotzdem großes Potenzial hatten.

Aguta stammt aus dem äußersten Westen Kenias. Er kommt aus dem Bereich der Stadt Kisii, die am unteren Ende des Great Rift Valley liegt. Dieses Tal ist die Heimat von so gut wie allen kenianischen Weltklasseläufern. Sein Zwillingsbruder, Zacharia Nyambaso, läuft ebenfalls und hatte 1994 den Mombasa-Marathon in 2:12:12 Stunden gewonnen. Über kürzere Strecken war Lameck Aguta schnell erfolgreich. Zweimal war er Vierter bei der Halbmarathon-Weltmeisterschaft, über 10 000 m wurde er Sieger bei den Commonwealth Games. Doch beim Marathon hatte der Kenianer im letzten Viertel des Rennens stets Probleme. Deswegen schickte ihn Kim McDonald unter anderen mit Sammy Lelei, der 1995 in Berlin mit 2:07:02 Stunden knapp den Weltrekord verpassen sollte, zum Langstreckentrainer Dieter Hogen. Doch auch unter dem Berliner Coach Uta Pippigs setzte Lameck Aguta sein Leistungsvermögen zunächst nicht um, weil er sich an keinerlei taktische Absprachen hielt. 1994 wurde er zum Beispiel beim Berlin-Marathon als Tempomacher eingesetzt. Doch statt, wie verabredet, nach 30 Kilometern auszusteigen, lief Lameck Aguta nach einem Zwischenspurt noch bis ins Ziel, das er als Vierter nach 2:10:41 Stunden erreichte. Die Aufbauarbeit für den New-York-Marathon war dahin. Zweieinhalb Jahre später bewies Lameck Aguta, dass er gelernt hatte, wie man für einen Marathon trainiert und wie man sich während des Rennens verhält. Mit dem Wissen, im Training selbst den beiden damaligen Superstars, den Weltrekordlern Moses Kiptanui und Daniel Komen, Paroli geboten zu haben, lief Lameck Aguta dann bei jenem Boston-Marathon zu seinem größten Triumph. Nach 2:10:34 Stunden war er am Ziel seiner Wünsche und am Anfang einer großen Karriere. "Ich denke, Lameck Aguta kann unter 2:08 Stunden laufen. Er ist lauftechnisch schwach, ist aber ein großer Kämpfer", sagte Dieter Hogen damals und fügte noch hinzu: "Ehe er aufgibt, fällt er tot um."

Um ein Haar wäre Lameck Aguta bei jenem Überfall wenige Monate nach dem Boston-Marathon tatsächlich gestorben. Mit Hilfe von Kim McDonald und dem Boston-Marathon-Sponsor John Hancock wurden seine Hirnschäden in London und den USA bestmöglich medizinisch behandelt. So konnte Lameck Aguta 1998 tatsächlich wieder mit dem Training beginnen. Ein Jahr später joggte er beim Nagano-Marathon die 42,195 Kilometer, in diesem Frühjahr erreichte der inzwischen 28-Jährige in Belgrad nach Gehpausen das Ziel nach 3:10 Stunden. Morgen läuft er beim Berlin-Marathon mit der Startnummer 11. Zwei englische Journalisten, die Lameck Aguta in Belgrad sprachen und ihn jetzt in Berlin wieder trafen, erkennen deutliche Fortschritte beim immer noch nicht abgeschlossenen Genesungsprozess des Kenianers.

Im Gegensatz zu den letzten beiden Jahren gibt es wahrscheinlich dieses Mal beim Berlin-Marathon keinen Weltrekord - vielleicht gibt es ein Wunder, das den Namen trägt: Lameck Aguta.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben