Sport : Berlin-Marathon: Mitläufer (Glosse)

Katja Füchsel

Ein reißender Strom, doch er musste gequert werden. Denn die Läufer in ihren bunten Trikots hatten die Stadt in zwei scheinbar unerreichbare Teile getrennt. Ganze Viertel waren verwaist, Familien zerrissen, Arbeitsplätze abgeschnitten. Völlig unerwartet und ganz plötzlich.

Den meisten Autofahrern war ein Versuch an der Strecke nicht genug. Sie kurvten und kreisten im Karree, um das Schlupfloch im Marathon zu finden - vergeblich. Jeder Vorstoß musste unweigerlich an einem rot-weißen Absperrband und einem kopfschüttelnden Polizisten enden: "Das stand doch seit Tagen in der Zeitung, hier kommen Sie die nächste Stunde nicht durch, das ist doch jedes Jahr das Gleiche... "

Manche resignierten, stellten den Motor ab und warteten übellaunig im Auto. Andere aber mussten weiter, konnten ihre Termine nicht verschieben - und waren gewissermaßen gezwungen, auch ohne Startnummer beim 27. Berlin-Marathon teilzunehmen. Denn den Spaziergängern wider Willen blieb nur eine Chance, die Strecke zu überqueren: Mit der Strömung, mit dem Wind. Also Blick zurück, vor der sich nähernden Lücke Anlauf nehmen, einscheren, etwa zehn Meter bei starkem Rechtsdrall mitlaufen, auf der anderen Seite wieder ausscheren.

Alle Jahre wieder: Hunderte werden vom Marathon überrascht und müssen rennen. Die Organisatoren sollten die Mitläufer jetzt in ihre offizielle Teilnehmer-Statistik aufnehmen. Rubrik: Schwarzarbeiter, Kurzzeit.

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