Sport : Berlin-Marathon: Trendsetter des Rollstuhlsports

Reiner Pilz

Als Heinrich Köberle vor sechs Jahren das Ziel des Berlin-Marathons erreichte, waren die schnellsten Rollstuhlfahrer schon eine Stunde lang im Ziel. Dennoch hatte Heinrich Köberle gewonnen. Denn sein Grad der Behinderung ist erheblich höher als der der schnellsten Konkurrenten. In seiner Wettkampfklasse, der sogenannten T 1, hatte Heinrich Köberle damals in Berlin mit 2:23:08 Stunden eine Weltbestzeit aufgestellt, die heute noch gültig ist. Entsprechend der körperlichen Behinderung gibt es drei verschiedene Klassen.

Am Fahrstil ist der "Teddy", wie der Tetraplegiker genannt wird, bereits zu erkennen. Bei ihm sind nicht nur die Beine gelähmt wie beim Paraplegiker, sondern zusätzlich die Hand und der Armstrecker-Muskel, der den anderen den schwungvollen Antrieb besorgt. Dieses besondere Handikap verlangt einen anderen Fahrstil: Der Handschuh, mit Baumharz, Handballkleber oder ähnlichem versehen, hält den Kontakt am kleinen, teils nur Bierdeckel großen Greifring, und der Hub in den Schultern sorgt für den wesentlichen Vortrieb beim Fahren.

Diese Fahrer haben es nicht einfach, vom breiten Publikum wahrgenommen zu werden. Aber sie leisten nicht weniger. 23 Jahre war der Allgäuer Heinrich Köberle bei der Bundeswehr in Mittenwald stationiert, als im Mai 1969 durch einen Autounfall das Rückenmark unterhalb des fünften Halswirbels unterbrochen wurde. Hohe Querschnittlähmung, lebensfähig eben noch im Bereich außerhalb von unterstützenden Apparaten, so der medizinische Bericht. Das physische Überleben sicherten zunächst Ärzte, Schwestern und Physiotherapeuten. Aber die Ansprüche an das Leben, wie waren die zu erfüllen? Schon die Mobilität war in den damaligen Rollstühlen schwierig. Wie die glatten Greifreifen mit den gelähmten Händen fassen und mit den wenigen erhaltenen Muskelgruppen vorwärts treiben? Über die Sporttherapie bekam er erste Möglichkeiten geboten. Im Tischtennis und Bogenschießen sowie im Schwimmen versuchte sich Köberle und startete bereits 1971 in der Wiege des Rollstuhlsports, im englischen Stoke Mandeville.

Aber das Fahren faszinierte ihn trotz der ungünstigen Voraussetzungen am meisten. Besonders galt dies für den Marathon, der unerreichbar schien. Er hörte von Rollstuhlfahrern, die die Distanz bereits geschafft hatten. Das wollte er auch erreichen. Der Zufall half ihm. Denn es gab ganz in der Nähe bei Heidelberg in der Firma des Rollstuhlfahrers Errol Marklein die ersten Versuche, das Schnellfahren durch die Konstruktion spezieller Rennrollstühle voranzubringen.

1982 startete Heinrich Köberele am Berliner Reichstag bei seinem ersten Marathon. Doppelklebeband von der Teppichverlegung am Greifring, ausreichend Verpflegung und Getränke - so startete er mit seinem 18 Kilogramm schweren, ihm auf den Leib geschneiderten Rennrollstuhl in dieses Abenteuer. Nach 4:35:15 Stunden fuhr er als 20. und Letzter der Rollstuhlkonkurrenz, aber überglücklich ins Ziel. Das war der Beginn seiner großen sportlichen Karriere.

Als erster T 1-Fahrer absolvierte er bei den Paralympics 1984 in Stoke Mandeville zum Erstaunen der medizinischen Fachwelt den Marathon als Wettkampf. An fünf Paralympics nahm er teil. Zwischen 1984 und 1996 gewann er bei den paralympischen Marathonrennen dreimal Gold und einmal Silber.

Doch nirgendwo startete er so oft wie in Berlin, wo er am Sonntag mit der Nummer R 333 ins Rennen geht. Seit 1982 ist er hier dabei, unterbrochen wurde seine Serie nur aufgrund der Paralympics 1988 und 2000.

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