Berlin-Marathon : Zwei laufen allen davon

Irina Mikitenko ignorierte irgendwann ihren Mann: Dann lief sie beim Berlin-Marathon zu Sieg und deutschem Rekord. Haile Gebrselassie blieb als erster Mensch unter 2:04 Stunden.

Frank Bachner,Friedhard Teuffel
Berlin Marathon - Gebrselassie und Mikitenko gewinnen
Siegertypen. Gebrselassie, Mikitenko.Foto: dpa

Irgendetwas muss Irina Mikitenko falsch gemacht haben. Wie hätte sie sonst nach 42,195 Kilometern mit einem Lachen behaupten können: „Jetzt habe ich das Gefühl: Ich kann noch tanzen.“ So wie sie gerannt war, hätten ihre Beine sie allenfalls noch einen Klammerblues mit ihrem Mann tanzen lassen dürfen, aber hätten sie sich wirklich noch zu einem wilden Hip Hop mitbewegt? Zwei Stunden, 19 Minuten und 19 Sekunden hatten ihre Beine sie zuvor über den Berliner Asphalt getragen, in einem Tempo, wie es vor ihr noch keine deutsche Marathonläuferin geschafft hatte. Und in einem Tempo, bei dem selbst die afrikanischen Läuferinnen nicht mithalten konnten, weshalb Irina Mikitenko als erste Deutsche seit Uta Pippig vor 13 Jahren den Berlin-Marathon gewinnen konnte.

Im Ziel schlug sie die Hände vor das Gesicht und schüttelte beinahe fassungslos den Kopf. „Es war mein Traum, einmal unter 2:20 Stunden zu laufen, und heute habe ich mir diesen Traum erfüllt“, sagte sie. Auf dem Weg dahin musste sie sich erst einmal gegen einen besonders hartnäckigen Gegner durchsetzen: ihren Mann. Der fuhr auf dem Fahrrad neben ihr und forderte sie ständig auf, langsamer zu laufen, um sich nicht zu verausgaben. „Mein Mann ist ein sehr vorsichtiger Mensch, vor allem wenn es um seine Frau geht“, sagte Irina Mikitenko über Alexander Mikitenko. Eine lange Strecke des Weges wollte sie sich auch an seine Anweisungen halten. „Mein Mann wollte bis Kilometer 30 der Chef sein, nach Kilometer 35 hat er mich immer noch geärgert“, sagte sie, „aber ich habe auf einmal gemerkt, dass ich unter 2:20 Stunden laufen kann. Deswegen habe ich ihm gesagt: Jetzt ist es mir egal, was du sagst.“

Sie wollte nicht wieder das gleiche Gefühl haben wie bei ihren vergangenen beiden Marathons, als sie im Ziel ankam und trotzdem noch Reserven hatte. Ihr Mann beobachtete, dass sie diesmal wirklich an ihre Grenzen ging: „Bei Kilometer 34 hat sie sich schon gequält.“

Mikitenko hat jetzt sogar die inoffizielle deutsche Bestzeit unterboten, die Uta Pippig 1994 in Boston aufgestellt hatte. Diese Zeit ist deshalb nicht so wertvoll, weil die Strecke in Boston kein Rundkurs ist, sondern ein Rennen von einem Punkt zum anderen; gerade mit viel Rückenwind kann das einiges ausmachen. „Es war super Wetter, ich war super in Form, und die Zuschauer waren super“, sagte sie. Irina Mikitenko wird deshalb gerne wiederkommen nach Berlin, allerdings zu einer anderen Veranstaltung. „Vielleicht kann ich auch im nächsten Jahr bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft so schnell laufen und mir ein Geschenk machen.“ Der Marathon findet bei der WM in Berlin am 23. August statt. An diesem Tag wird Mikitenko 37 Jahre alt.

Haile Gebrselassie bleibt bei seinem Sieg als erster Mensch unter 2:04 Stunden

Hundertfünfzig Meter vor dem Ziel sah es so aus, als ob ein Handbiker diesen Erfolg noch gefährden könnte. Der Biker kurbelte wild und fuhr direkt in den Laufweg von Haile Gebrselassie. Würde der jetzt, Herrgott, etwa noch stolpern oder aus dem Tritt kommen, der Äthiopier, kurz vor seinem größten Marathon-Erfolg? Jetzt, da es um wirklich jede Sekunde ging? Gebrselassie kam nicht außer Tritt, er rannte weiter, durchs Ziel, erschöpft, strahlend. Er hatte es geschafft. 2:03:59 Stunden.

Der erste Mensch der Welt, der einen Marathon unter 2:04 Stunden gelaufen war. Der bisherige Weltrekord stand bei 2:04:26 Stunden. Er wurde 2007 in Berlin gelaufen – von Gebrselassie. Der lachte eine Stunde nach seinem Rekord noch strahlender als sonst. „Solche Bedingungen“, sagte er, „bekommt man nur einmal im Leben.“ Das Wetter: optimal, angenehm warm, kaum Wind. Der schärfste Gegner: James Kwambai aus Kenia hielt bis Kilometer 35 mit. Am Ende steigerte er seine Bestzeit um fast fünf Minuten (2:05:36). Mit ihm habe ich nicht gerechnet“, sagte Gebrselassie. Und dann natürlich die Atmosphäre: „Ich hatte das Gefühl, ich laufe in einem Stadion“, sagte Gebrselassie begeistert. Er war fast ständig unter der jeweiligen Zwischenzeit des Weltrekords geblieben, bei Kilometer 17 um 14 Sekunden, bei Kilometer 25 waren es 24 Sekunden und bei Kilometer 33 sogar 34 Sekunden. Das war der gleiche Gebrselassie, der vor zwei Wochen seinem Manager Jos Hermens niedergeschlagen mitgeteilt hatte: „Sag’ meinen Start ab.“ Er hatte Probleme mit der Wade. „Du musst laufen“, erwiderte Hermens. „Die Leute lieben Dich, auch wenn Du nur 15 Kilometer läufst.“

Er hat recht. Die Stimmung an der Strecke war phantastisch, die unzähligen Zuschauer feuerten den Äthiopier begeistert an, am stärksten im Zieleinlauf, dort, wo seine Schmerzen am größten waren. „Es war schon hart, vor allem auf dem letzten Kilometer“, sagte Gebrselassie.

Und jetzt, was kann jetzt noch kommen? Nach 25 Weltrekorden und weiteren 130 000 Dollar Preisgeld – ohne sechsstelliges Antrittsgeld –, die er gestern verdient hatte? Da lachte Gebrselassie wieder. „Jeden Tag kann ein Läufer meinen Weltrekord verbessern. Also muss ich schneller laufen.“ 2:03:30 Stunden traut er sich zu. Er muss sich beeilen, die Zeit läuft ihm davon. „Denn ich laufe auch“, sagt Gebrselassie einen Moment lang fast erhaben, „gegen mein Alter.“

Nur, wie alt ist er denn wirklich? In Äthiopien kursierten Gerüchte, Gebrselassie sei viel älter als 35. Unsinn, erwiderte der Weltrekordler, „ich bin am 18. April 1973 geboren“. Andererseits: Wäre er älter als 35, dann wäre das ja ein Grund, noch breiter zu lachen, als er es ohnehin schon tat: „Dann“, sagte Gebrselassie fröhlich, „wäre meine Leistung ja noch höher zu bewerten.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben