Sport : Berlin Thunder: 154 Kilogramm Kindergärtner

Ingo Wolff

T. J. Washington ist ein Fleisch gewordener Kleiderschrank. Der Footballer wiegt 154 Kilogramm und misst 193 Zentimeter. Seinetwegen würde man nachts schon mal die Straßenseite wechseln. Das gehört zu seiner Rolle. Auf seiner Spielposition muss er aggressiv wirken, damit seine Gegenspieler - wie am Sonnabend die Scottish Claymores (Jahnstadion, Beginn 18 Uhr) - Angst bekommen. Der Amerikaner spielt bei Berlin Thunder die Rolle des Bodyguards. Als Tackle ist er Teil der Angriffslinie und hat die Aufgabe, mit der geballten Wucht seines Körpers den Spielmacher seiner Mannschaft, den Quarterback, zu schützen. Masse hat Washington genug, er ist der schwerste Mann bei Thunder.

Von seiner Masse profitieren die Kollegen der Offensive Line. Diese Angriffslinie steht bei Ballbesitz des eigenen Teams ganz vorn: ein Center, der dem Quarterback bei Beginn eines Spielzuges den Ball übergibt (Snap), zwei Guards (in der Linie vor dem Quarterback postiert), ein Tight End, der sowohl schützen als auch laufen soll, und eben die beiden Tackles. Diese stehen außen.

Ihnen gegenüber haben sich die gegnerischen Defensivspieler postiert. Auge in Auge stehen sie sich gegenüber. Die Kolosse des Gegners wollen sofort nach Übergabe des Ledereis den Quarterback am Passen oder Laufen hindern. Bis sie aber bei ihm angelangt sind, müssen sie zunächst an Typen wie T. J. Washington vorbei. Was bei denen nicht auf Gegenliebe stößt. Obwohl die Angriffsverteidiger eigentlich nie den Ball in ihre riesigen Hände bekommen, also gar nicht persönlich für Punkte sorgen oder einen Gegenangriff aufhalten, sind sie für einen erfolgreichen Spielzug entscheidend. Schützen sie den Quarterback schlecht, hat er nur wenig Zeit zum Werfen.

Obwohl sie für das Spiel von entscheidender Bedeutung sind, werden die Bodyguards - wie im richtigen Leben - kaum wahrgenommen. Oft sind sie nach dem Spiel auch schwer gezeichnet. Blaue Flecken vergleichen die schweren Jungs nach dem Spiel in der Kabine wie Jagdtrophäen. "Der Job ist hart", sagt Washington, "du musst mental und körperlich stark sein. Es tut weh, aber es stört nicht. Und wir dürfen nicht ausschließlich aggressiv sein, wir müssen cool bleiben, sonst verpasst du schon mal den Gegner oder greifst daneben."

Das alles erzählt er mit breitem Grinsen, und auf einmal wirkt der 26-Jährige überhaupt nicht mehr bedrohlich. Wenn man ihn sich genau ansieht und erzählen hört, wirkt er eher wie ein Teddybär. Obwohl Washington als Tackle den härtesten Job im Team ausübt, ist er von sensibler Natur. Und das liegt vermutlich an seinem eigentlichen Beruf, den er neben dem Profifootball ausübt. Kleiderschrank Washington ist Kindergärtner. "Die Kinder lieben mich", erzählt Washington voller Stolz, "sie haben keine Angst vor mir." Sie sehen ihn, ähnlich wie der Quarterback, als großen Beschützer.

T. J. Washington wünscht sich selbst auch Kinder, aber noch hat er nicht die richtige Frau gefunden. "Die Frauen lieben eben andere Spielertypen." Das ist das Schicksal der schweren Jungs. Seit elf Jahren ist es sein Schicksal. Trotzdem möchte er die Position nicht tauschen. Schon sein Vater hat Verteidiger gespielt, sein älterer Bruder ist als Tackle bei den Tampa Bay Buccaneers aktiv. "Es ist eben die einzige Position, wo du einen umhauen darfst und dafür nicht bestraft wirst", sagt Washington, und während er lacht, wippen seine 154 Kilogramm.

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