Sport : Berlin Thunder: Die Footballer formieren sich unter der Sonne

Ingo Wolff

Dem saftigen Grün im Raymond James Stadium zu Tampa hatten sie übel mitgespielt. Hier auf dem schicken Spielfeld, wo sich sonst das Football-Team der Tampa Bay Buccaneers schwer ins Zeug legt, hatten sie zahlreichen kantige Hindernisse aufgestellt. Gedacht waren die eigentlich für ein Reitturnier. Das fiel aus irgendwelchen Gründen ins Wasser. Doch die lustigen Oxer mit Delfinköpfen und Piratenmotiven hatten wenigstens symbolischen Charakter für das Alternativprogramm. Für ambitionierte Footballer galt es unter der Sonne Floridas, hohe Hürden zu meistern. Alle sechs Teams der NFL Europe, der europäische Ableger der amerikanischen Profi-Footballliga NFL, hielten hier ein Trainingscamp ab. Am 21. April startet dann wieder in der alten Welt die Saison der NFL Europe.

Wieder einmal entschied sich in Florida die Zukunft vieler Footballer, die bisher keine Chance oder nur wenig Spielzeit in der prominenten US-amerikanische Liga bekommen haben. Im Trainingscamp hatten die von den US-Teams zugeteilten Spieler und auch die vielen freien Spieler ihre Leistung unter Beweis stellen müssen. Für viele war es die vielleicht letzte Gelegenheit, doch noch das große Ziel zu erreichen - einmal richtiger Profi in einer richtig großen Mannschaft. Auch das Team von Berlin Thunder hatte sein Quartier im Sonnenstaat der USA aufgeschlagen. In der vergangenen Nacht gab nun Headcoach Peter Vaas seinen 46-köpfigen Kader bekannt. Fünf Spieler fielen dem letzten Cut zum Opfer.

Die Mannschaften der NFL Europe setzen sich prinzipiell aus 38 aktiven US-amerikanischen Profis, acht Nationals sowie zwei US-amerikanischen Spielern der so genannten Practice Squad zusammen. Letztere werden demnächst bekanntgegeben. Sie dürfen bei Spielen nicht eingesetzt werden, können aber für verletzte Spieler während der Saison aktiviert werden.

Je nach Stärke im Trainingscamp mussten jeweils vier bis fünf Akteure aus dem Roster gestrichen werden. Im Falle Thunders kam hinzu, dass ein Spieler, der dabei war, erst gar nicht durch die medizinische Voruntersuchung kam. Zwei weitere Spieler waren erst gar nicht in Tampa erschienen und einer wurde vorher vom Management des Berliner Klubs wieder nach Hause geschickt. Die Anzahl der Spieler verringert jeweils nach so genannten Cuts. Die Entscheidung aber, wer nach den ernsthaften Testspielen gegen eines der fünf anderen NFL-Europe-Teams aus dem Kader flog, traf Vaas zusammen mit seinem sechsköpfigen Trainerstab.

Nach dem letzten Scrimmage gegen die Scottish Claymores am vergangenen Sonntag überzeugte vor allem Quarterback Jonathan Quinn. Der 27-jährige, vom NFL-Team Jacksonville Jaguars ausgeliehene Spielmacher, brachte sechs von sieben Pässen ins Ziel und erzielte dabei 150 Yards Raumgewinn. Die Krönung seiner Leistung war ein 70-Yards-Touchdown-Pass auf Wide Receiver Dwaune Jones. Für Vaas steht der in Florida von mehreren NFL-Coaches beobachtete, 1,99 m große und trotz seiner 110 Kilo äußerst bewegliche Quinn als Starting Quarterback der Saison fest: "Er hat nicht nur Talent, sondern auch eine großartige Einstellung. Es ist eine Freude, mit ihm zu arbeiten." Quinn selber übte sich in Bescheidenheit: "Das war ein Schritt nach vorn."

Bei der Zusammenstellung des aktuellen Kaders hatte Vaas zuberücksichtigen, dass sechs Nationals im Team bleiben. Nationals müssen seit Beginn des Jahres aber nicht mehr nur aus dem jeweiligen Land des Teams kommen. So konnte sich Wide Receiver Jörg Heckenbach auch auf eine ganz andere Herausforderung einstellen. Auf der Tribüne des Trainingscourts in Tampa waren zahlreiche Spielerbeobachter einiger NFL-Teams. Vom Scout der Dallas Cowboys hat Heckenbach bereits signalisiert bekommen, dass an ihm großes Interesse besteht. Er soll in Dallas die Rolle des Long Snaps, also einer Spezialposition beim Werfen des Punts, eines Spezialschusses, bekommen. Für Heckenbach besteht damit also nicht die Herausforderung, die unterste Stufe zu erklimmen, sondern der mit Abstand beste deutsche Passempfänger könnte mit einer ansehnlichen Leistung den Sprung als erster Deutscher in die NFL schaffen. Davon träumt er aber nicht allein.

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