Sport : Berlin Thunder: Vom Jäger zum Gejagten

Ingo Wolff

Jonathan Quinn gibt sich wortkarg. Der fast zwei Meter große Hüne redet mit seiner tiefen Stimme nicht mehr als notwendig, trifft dabei aber erstaunlich präzise den Punkt. Keine schlechte Voraussetzung also für einen Jäger, der sich seiner Jagdgesellschaft rasch mitteilen muss und das Wild trotzdem nicht verjagen darf. Außerdem muss er schnelle Entscheidungen treffen. Möglichst so flink, dass sein Opfer seine Vorhaben nicht durchschaut, ehe der entscheidende Schuss gefallen ist. Zum langen Laden und Zielen bleibt also keine Zeit.

Insofern hat die Jagd viel mit dem Spiel des Quarterbacks beim Football gemein. Günstig, dass Jonathan Quinn mit dem einen seinen Unterhalt bestreitet und das andere zum Vergnügen betreibt. Der 26-Jährige hat drei Jahre in der amerikanische Footballliga NFL gespielt und darf sein Können als Spielmacher nun für eine Saison bei Berlin Thunder beweisen.

Für den zweifachen Vater ist die Verbindung zwischen seinem Hobby und seinem Beruf kein Zufall. Die Jagd gibt ihm den notwendigen Ausgleich zu den harten Belastungen, denen er an seinem Arbeitsplatz ausgesetzt ist. Auf dem Spielfeld muss er als Quarterback schließlich kräftig einstecken, wenn er von den gegnerischen Verteidigerkolossen attackiert wird. Andererseits gibt ihm das Jagen auch Übung. Denn langsames Entscheiden wird auf dem Footballfeld schmerzhaft bestraft - das gilt selbst für Quinn, der 102 Kilogramm wiegt und 1,99 Meter misst. Obwohl er über ungewöhnliche Maße für einen Quarterback verfügt, ist er extrem mobil - köperlich und geistig.

"Du hast drei Sekunden Zeit zum Überlegen", sagt Quinn und schnippt dabei mit seinen riesigen Fingern demonstrativ in die Luft. Peng - wie der Schuss eines Gewehrs muss der Wurf auf den Passfänger kommen. Trotz der kurzen Zeitspanne muss er aber strategisch denken. "Du schaust dir zuerst die Bewegung der Gegner an und dann auf den Spieler, der in die gegnerische Linie vorstößt", beschreibt Quinn seine Gedankengänge in diesem Moment, "und du schaust, ob jemand auf dich zuläuft und ob die Passempfänger die richtigen Wege laufen."

Dieser Vergleich der vorgegebenen Strategie des Trainers mit den Routen seiner Gegner und Mitspieler läuft in Quinns Kopf in Bruchteilen von Sekunden ab. Kaum vorstellbar. Quinn gilt aber als Schnelldenker. Er ist kein Künstler wie Eric Kresser im Vorjahr. Jonathan Quinn ist ein scharfsinniger Analytiker mit einem starken Wurfarm. Quinn baut zusätzlich auf seine innere Stimme. "Der Instinkt hat etwa den gleichen Anteil wie das Denken über den Spielzug." Im Trainingslager stand Quinn wegen seiner Qualitäten schon unter Beobachtung vieler NFL-Scouts. Dick Curl, ehemaliger Headcoach der Frankfurt Galaxy, nahm ihn für die Kansas City Chiefs unter die Lupe und bilanzierte: "Quinn ist ein Quarterback, den ich den Chiefs empfehlen werde."

In der NFL gab es für die Talentsichter bisher wenig Gelegenheit für ausgiebige Beobachtungen. Quinn wurde bei den Jacksonville Jaguars kaum eingesetzt. Erfahrung soll er sich nun in Berlin holen. Die übrigen Trainer der NFL-Europe schauen ob seiner Qualitäten schon neidisch auf Thunder-Headcoach Peter Vaas. Der weiß um Quinns Potenzial, mit dem er exakt in das Spielsystem passt. "Schnell die Entscheidung suchen", lautet eine Basisstrategie von Vaas, "am besten schon beim ersten Versuch."

Den Druck des Versagens spürt Quinn nicht: "Thunder war in der vorigen Saison Letzter. Es kann nur besser werden." Die Fans werden also viele spektakuläre Pass-Versuche erleben. Quinn ist der Mann für solche Spiele, kurze Pässe mag er nicht. Der Jäger erlegt den Hasen eben lieber mit einem Schuss, als ihm hinterherzulaufen.

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