Sport : Berlin Thunders: Mächtiger Quinn

Ingo Wolff

Jeder Footballer, der nach Europa kommt, hat sie seit zwei Jahren im Hinterkopf: die Geschichte von Kurt Warner, der 1998 mit den Amsterdam Admirals noch in der NFL Europe spielte, dort den World Bowl nur knapp verpasste, dann als Ersatz-Quarterback zurück zu den St. Louis Rams geht und nach dem Ausfall des ersten Spielmachers die Rams sogar bis zum Gewinn des Super Bowls führt. Heute ist Warner einer der Topstars in der NFL.

Quarterbacks wie Jonathan Quinn von Berlin Thunder werden seit 1999 gemessen an diesem Werdegang, den die Amerikaner als Cinderella-Story verkaufen. Auch Quinn hat die Warner-Story im Hinterkopf, und bisher hat er diesem Druck standgehalten. Am Sonnabend, beim souveränen Sieg seines Teams im Jahnstadion über die Amsterdam Admirals, da sahen alle, was dieser Mann kann. Jonathan Quinn, 26 Jahre alt, ist nach dem 41:10-Sieg der Berliner in den drei wichtigsten Kriterien bester Quarterback der Liga. Er führt die Liste der Touchdown-Pässe mit 20 an, ebenso liegt er mit über 2000 geworfenen Yards an erster Position. Nun ist er nach dem Amsterdam-Spiel auch noch effektivster Werfer, gemessen an den gefangenen Bällen pro Versuch.

Auch ohne Statistik imponiert Quinns variables Spiel. Seine abwechslungsreichen Spielzüge und präzisen Pässe verwirrten die Amsterdamer Abwehr. Quinn erzielt im Notfall sogar mit eigenen Läufen die noch fehlenden Yards für einen neuen ersten Versuch. Und Quinn verhält sich auch nach einem Sieg professionell. Feiert nicht wie andere Spieler ausgelassen in der Bar seines Mannschaftskollegen Axel Kruse, sondern fährt nach der Partie zurück ins Hotel.

Das allein würde sicher noch nicht ein Vergleich mit Warner rechtfertigen. Wenn die NFL Europe auch nicht mehr so wie früher nur als europäische Stieftochter der amerikanischen Liga NFL, sondern vor allem von den Amerikanern als Teststation für zukünftige NFL-Stars gesehen wird, und somit auch das Spielerpotenzial einen erheblichen Qualitätssprung gemacht hat. Quinn hat ausgerechnet gegen Warners ehemaligen Klub Amsterdam einen von dessen Rekorden eingestellt. Der Berliner Spielmacher schaffte in einem Spiel fünf Touchdown-Pässe. Das haben vorher nur die heutigen NFL-Stars Kurt Warner und Jon Kitna (Cincinnati) geschafft.

Quinn hätte es wahrscheinlich sogar zum alleinigen Rekordhalter gebracht, doch sein Headcoach Peter Vaas wechselte ihn im letzten Viertel gegen Ersatzmann Leon Murray aus. "Es ist wichtiger, ein gutes Spiel zu machen und ein gesundes Team zu haben", sagte der Trainer anschließend. Er wollte Quinn für das entscheidende letzte Spiel in Amsterdam schonen und außerdem Murray noch einmal Spielzeit geben. "Leon Murray ist auch ein hervorragender Quarterback", sagt Vaas, "aber er hat das Pech, hinter einem noch besseren zu stehen."

Vaas will Quinn noch einmal für das Rückspiel gegen die Admirals am kommenden Sonntag motivieren. Denn in der Amsterdam Arena würde sich der Rekord noch besser machen. Es wäre vielleicht sein letzter in der NFL Europe. Vaas glaubt nicht, dass Quinn noch einmal nach Berlin zurückkehren wird, "denn ich hoffe, dass Jonathan sich in der NFL etablieren wird". Vorerst wird er nach seiner Rückkehr zu den Jacksonville Jaguars nur als so genannter Backup hinter einem starken ersten Quarterback spielen. Doch auch der spielt nicht ausschließlich. Und vielleicht schafft Jonathan Quinn dann das, was vor ihm nur der große Kurt Warner geschafft hat.

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