Berliner Derbys : Mielkes verrückte Enkel

In den finalen Tagen der DDR treffen Union Berlin und BFC Dynamo in der Alten Försterei aufeinander. BFC-Hooligans randalieren im gegnerischen Block, Union gibt die Antwort auf dem Platz.

Sven Goldmann
Thomas Doll war der wichtigste Spieler beim FC Berlin. Nach seinem Verkauf ging es bergab.
Thomas Doll war der wichtigste Spieler beim FC Berlin. Nach seinem Verkauf ging es bergab.Foto: Imago

Auf dieses Spiel freuen sich die Berliner Fußballfans seit Wochen: Am Freitag empfängt der 1. FC Union in seinem Stadion An der Alten Försterei Hertha BSC zum Duell in der Zweiten Liga. Bis dahin erinnern wir jeden Tag an ein historisches Berliner Derby. Heute: Union gegen den FC Berlin am 23. September 1990.

Nach dem Fall der Mauer ist auch im Ost-Berliner Fußball nichts mehr so, wie es einmal war. Der BFC Dynamo, zehn Jahre lang auf die DDR-Meisterschaft abonniert, verliert erst seinen begnadeten Stürmer Andreas Thom an das kapitalkräftige Bayer-Werk in Leverkusen und später auch den Status der Unantastbarkeit. Polarisiert hat der Herzensverein von Erich Mielke schon immer, aber was vor der Wende noch im Kleinen ablief, wird später zum Problem.

In den finalen Tagen des Arbeiter- und Bauerstaates kommt es noch einmal zum Duell 1. FC Union gegen den BFC, der inzwischen FC Berlin heißt. In der zweiten Runde des Pokals, er trägt immer noch den Namen des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), treffen sie an der Alten Försterei aufeinander. Neun Tage vor dem Ende der DDR ist das kein Problem mehr, nachdem die Berliner Derbys zu früheren Zeiten zumeist im Stadion der Weltjugend stattfinden mussten, aus Sicherheitsgründen.

Nur 3500 Zuschauer finden den Weg in die Wuhlheide. Der Kick des Stasi-Beschimpfens hat sich im Alltag abgenutzt, und auch aus sportlicher Sicht ist der BFC-Nachfolger FC Berlin kein Opfer mehr, seitdem er fast seine gesamte Mannschaft verloren hat, unter anderem den großartigen Thomas Doll an den Hamburger SV. In der Oberliga ist der FC Berlin mit 1:9 Punkten ans Tabellenende gepurzelt. Unions Stadionzeitung verheißt "ein Ortsderby mit veränderten Vorzeichen". Auf dem Platz ist davon wenig zu sehen, die tapferen Unioner sind technisch deutlich unterlegen, investieren aber viel Kraft in Grätschen und Sprints.

Viel interessanter ist, was auf den windschiefen Traversen geschieht. Die gefürchteten BFC-Hooligans sind gekommen, sie feiern zunächst nur "Erich Mielke, du bist der beste Mann". Weil die Polizei sie gewähren lässt, wächst bei den Randalierern die Lust auf mehr. Mit Knüppeln bewaffnet stürmen Hooligans den gegnerischen Block und machen Jagd auf Union-Fans. Die "taz" macht sich anderntags lustig über "Mielkes durchgeknallte Enkel".

Die Szene beruhigt sich ein wenig, als Thomas Grether, groß geworden und ausgebildet beim BFC, das 1:0 für Union erzielt. Die Polizei bringt sich in Stellung, aber es bleibt erst einmal ruhig. Bis der Tscheche Pavel Chaloupka zwanzig Minuten vor Schluss einen Elfmeter zum Ausgleich verwandelt, den die Hooligans auf ihre Art feiern: mit Steinen und Bierdosen. Schiedsrichter Wieland Ziller unterbricht das Spiel für fünf Minuten, er droht mit einem Abbruch, aber dann geht es doch weiter, bis in die Verlängerung. Bei Union schwinden die Kräfte, alles hofft auf ein Elfmeterschießen, aber drei Minuten vor Schluss wird doch noch alles gut für den ewigen Außenseiter. Olaf Seier, auch er ein früherer Dynamo-Spieler, schießt Union zum Sieg, und dieses Mal sind die Randalierer aus Hohenschönhausen zu irritiert für handfeste Antworten.

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